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Inselgeschichten: Hirn in Bern

Am Inselspital entsteht 2012 das Universitäre Neurozentrum Bern, in dem Neurologie, Neurochirurgie und Neuroradiologie erstmals unter einem Dach zusammenarbeiten. Rund 800 Fachpersonen kümmern sich hier um Erkrankungen von Gehirn, Rückenmark, Nerven und Muskeln; Notfälle, komplexe Eingriffe und die Neurorehabilitation werden interdisziplinär betreut. Die enge Kooperation dieser Disziplinen steht für eine Neuromedizin, die heute vernetzt, hochspezialisiert und technisch geprägt ist. Doch die Frage drängt sich auf: Seit wann beschäftigen sich in Bern eigentlich spezialisierte Fachleute mit dem Gehirn? Welche Methoden und Instrumente stehen ihnen zur Verfügung, und welche historischen Kontexte prägen diese Auseinandersetzung? Ein Blick zurück auf eine vielfältige Geschichte mit ebenso vielfältigen Objekten. Wo fängt man an? Bei einer Geschichte der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Gehirns kann man weit ausholen. Das Gehirn ist ein komplexes Organ und beinahe so verästelt ist die Geschichte seiner wissenschaftlichen Beschäftigung. Lange bevor es die Begriffe oder die Fachgebiete Neurologie, Neurochirurgie oder Psychiatrie gibt, setzen sich Gelehrten mit dem Gehirn auseinander. Platon beispielsweise sieht in ihm das Organ der vernünftigen Kontrolle. Auch Hippokrates bezeichnet es als Organ des Denkens, der Wahrnehmung und der Beurteilung und geht davon aus, dass es für die Sinneseindrücke verantwortlich ist. Dabei verfügt er über anatomische Kenntnisse. Er weiss beispielsweise, dass rechtsseitige Kopfwunden Lähmungen auf der linken Seite hervorrufen und umgekehrt und erkennt die Zweiteilung des menschlichen Gehirns in zwei Hälften (Hemisphären), getrennt durch eine zarte Haut. Völlig einig über die Funktion des Hirns ist man sich in der Antike jedoch nicht. Aristoteles lokalisiert im Herzen den Ort der einheitlichen Wahrnehmung. Über Jahrhunderte konkurrieren Herz und Hirn als Seelensitz. Frühe Berner Beschäftigung Mit Blick auf Bern könnte man vielleicht mit Wilhelm Fabry (1560 – 1634) beginnen. Fabry, in Hilden bei Düsseldorf geboren, macht eine Wundarztlehre. Nach seiner Wanderzeit, die in nach Metz, Genf und Lausanne führen, ist er unter anderem in Köln und Payerne tätig. 1614 ernennt ihn die Stadt Bern zum Stadtarzt. Er gilt als ein Wegbereiter der ‘modernen’ Chirurgie, nicht zuletzt, weil er sich auf die wissenschaftliche Anatomie stützt, die er als Schlüssel für die Medizin bezeichnet. In seinem umfassenden Werk beschreibt er auch mehrere Fälle, in denen er am Schädel Operationen vornimmt. Etwa Trepanationen – die Öffnung des Schädels –, bei Schädelbrüchen oder auch bei chronischen Kopfschmerzen. Abbildung: Instrumentarium zur Anhebung der Schädeldecke (Quelle: Guilhelmi Fabricii Hildani ... Observationum et curationum chirurgicarum centuriae, 1641 / Wellcome Collection) Mit dem Gehirn als Untersuchungsobjekt beschäftigt sich dann ein weiterer grosser Name der Berner Medizingeschichte: Albrecht von Haller. Haller befasst sich im Verlauf seiner langen Karriere auch mit der Physiologie des Gehirns. In Experimenten an lebenden Tieren untersucht er die Erregbarkeit (Irritabilität) und die Empfindsamkeit (Sensibilität) verschiedener Hirnregionen. Albrecht von Haller (1708–1777), Arzt und Gelehrter aus Bern, gilt im 18. Jahrhundert als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der europäischen Medizin. Bekannt ist er vor allem für seine umfangreichen Schriften, darunter die Elementa physiologiae corporis humani , sowie für eine Reihe von Experimenten, die sich mit den Eigenschaften von Nerven und Muskeln befassen. Seit 1752 führt Haller Versuche durch, die ihn zu den Begriffen Irritabilität und Sensibilität führen. Unter Irritabilität versteht er die Fähigkeit von Muskelfasern, sich bei Reizung zusammenzuziehen – unabhängig davon, ob sie noch mit dem Körper verbunden sind. Seine Beobachtungen an Herzen von Fröschen oder Schildkröten, die auch ausserhalb des Körpers noch reagieren, widersprechen älteren Theorien über die ausschliessliche Rolle der Nerven. Sensibilität wiederum beschreibt er als die Fähigkeit von nervendurchzogenen Körperteilen, Schmerz zu empfinden. Mit systematischen Tierversuchen zeigt er, dass Sehnen im Gegensatz zu Nerven unempfindlich sind. Er schliesst daraus unter anderem, dass alle Hirnteile gleichwertig seien. Damit wendet er sich gegen die Ansicht, dass es einen eindeutigen Sitz der Seele oder der Lebenskräfte gibt. Seine Experimente beruhen vor allem auch auf Vivisektionen. Haller selbst spricht dabei von «mir selbst verhassten Grausamkeiten», rechtfertigt diese aber mit ihrem Nutzen für die Erkenntnis über den menschlichen Körper. Haller beschäftigt sich auch mit der Frage nach dem Sitz der Seele im Gehirn. Er lehnt die Vorstellung ab, einzelne Regionen – wie das Corpus callosum – seien für bestimmte geistige Fähigkeiten zuständig. Stattdessen beschreibt er das Gehirnmark als gemeinsames Sensorium, in dem Nerven zusammenlaufen. Damit positioniert er sich zwischen unterschiedlichen Strömungen seiner Zeit: er distanziert sich vom Animismus, der alle Lebensvorgänge aus der Seele ableitet, ebenso wie vom strikten Mechanismus, der den Körper als reine Maschine versteht. Seine Begriffe und Konzepte finden in der zeitgenössischen Medizin und Philosophie vielfältige Verwendung. Der französische Arzt Julien Offray de La Mettrie etwa greift Hallers Lehre von der Irritabilität auf, um eine radikale Maschinentheorie des Menschen zu entwickeln – eine Deutung, die Haller selbst ausdrücklich zurückweist. Andere Forscherinnen und Forscher in Europa greifen seine Methodik auf und erweitern sie, besonders in Bezug auf die Untersuchung des Nervensystems und die Frage nach den Grundlagen von Empfindung und Gedächtnis. Abbildung: Anatomie des Gehirns Haller und Ridley, 1695. (Quelle: Wellcome Collection) Theodor Kocher und die Neurowissenschaften in Bern Auch der zweite «grosse» Berner Mediziner setzt sich mit dem Gehirn auseinander. Theodor Kocher (1841–1917), Chirurg und Nobelpreisträger, prägt die medizinische Entwicklung in Bern um 1900. Bekannt ist er vor allem für seine Arbeiten zur Chirurgie der Schilddrüse, doch ein bedeutender Teil seiner Forschung und Praxis richtet sich auch auf das Gehirn. In einer Zeit, in der neurochirurgische Eingriffe noch mit hohen Risiken verbunden sind, beschäftigt er sich mit Fragen der Schädel- und Hirnverletzungen, der intrakraniellen Druckverhältnisse sowie der operativen Zugänge zum Gehirn. Kocher beschreibt systematisch die Auswirkungen von Hirndruck auf Bewusstsein, Motorik und Atmung und entwickelt Verfahren zur Entlastung des Schädels, etwa durch Trepanationen. Seine Überlegungen zur Hirndrucklehre und seine genauen klinischen Beobachtungen finden Eingang in die neurologische und neurochirurgische Literatur seiner Zeit. Zugleich ordnet er das Gehirn in ein umfassenderes physiologisches und pathologisches Verständnis des Körpers ein. In Bern schafft Kocher mit seiner Klinik einen institutionellen Rahmen, in dem die Auseinandersetzung mit Erkrankungen und Verletzungen des Gehirns im Zusammenspiel von Chirurgie, Innerer Medizin und aufkommender Neurologie möglich wird. Er bewegt sich in einem medizinischen Feld, das stark von Debatten über die Lokalisation geistiger Funktionen geprägt ist. Physiologie wie Paul Broca oder Carl Wernicke diskutieren die Frage nach Zentren im Gehirn. Kocher betont die praktischen Konsequenzen für die Chirurgie: das Wissen um mögliche funktionelle Ausfälle soll die Präzision von Eingriffen erhöhen. Dazu nutzt und entwickelt er Messmethoden und -instrumente weiter, die Rückschlüsse von der Schädeloberfläche auf die Hirnoberfläche erlauben sollen. Dennoch bleibt sein Zugang vorsichtig; er verweist immer wieder auf die Grenzen der damaligen Kenntnisse und auf die Notwendigkeit, die klinischen Befunde empirisch abzusichern. Abbildung: Vermessung des Schädels zur Identifikation der darunterliegenden Hirnareale (Quelle: Theodor Kocher, Chirurgische Operationslehre, Jena 1894) Diese Arbeiten zum Gehirn hängen eng mit seiner Auseinandersetzung mit Epilepsie zusammen. Kocher selbst sieht die Krankheit sowohl als neurologisches als auch als chirurgisches Problem und erprobt operative Verfahren, die auf der Annahme beruhen, dass epileptische Anfälle durch lokale Herde im Gehirn ausgelöst werden können. Er schlägt beispielsweise die Entfernung der harten Hirnhaut vor, um den intrakraniellen Druck bei posttraumatischen Anfällen zu senken. Diese Experimente sind in ihrer Erfolgsbilanz ambivalent, sie zeigen aber die frühe Verbindung von Epileptologie und Neurochirurgie in Bern. Kocher ist auch ein Vermittler: Er verknüpft klinische Praxis, physiologische Theorien und chirurgische Innovationen. In seinem Denken tritt das Gehirn nicht nur als medizinisches Objekt auf, sondern auch als Organ, das mit Fragen nach Persönlichkeit, Bewusstsein und geistiger Tätigkeit verbunden ist – Themen, die im späten 19. Jahrhundert weit über die Medizin hinaus gesellschaftlich diskutiert werden. Die elektrische Sprache des Gehirns 1917 stirbt Theodor Kocher. Damit erlebt er entscheidende Entwicklungen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Gehirn nicht mehr: So etwa die systematische Anwendung der Radiologie auf das Gehirn oder die elektrodiagnostischen Möglichkeiten der Elektromyografie und der Elektroenzephalografie. Vor allem die Einführung der Elektroenzephalografie öffnet einen neuen Wissensraum. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert beschäftigen sich Physiologen vor allem in Tierversuchen mit den elektrischen Strömen in der Hirnrinde. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entsteht dann eine neue Art, den menschlichen Körper zu verstehen – nicht mehr allein über Beobachtung und klinische Beschreibung, sondern über elektrische Kurven, Ausschläge und Rhythmen. Mit dem Elektroenzephalogramm wird das Gehirn selbst zu einem grafischen Objekt. Auf einem fortlaufenden Papierstreifen zeichnen sich feine, gezackte Linien ab. Die Methode geht auf den Jenaer Neuropsychiater Hans Berger zurück, der in den 1920er-Jahren erstmals elektrische Spannungen an der menschlichen Kopfoberfläche registriert. Er verbindet Elektroden mit dem Kopf einer ruhenden Versuchsperson und lässt die winzigen Ströme über empfindliche Galvanometer aufzeichnen. Die entstehenden Linien – später als Alpha- und Beta-Rhythmen bezeichnet – scheinen eine Art «elektrische Sprache» des Gehirns zu sprechen. Es sind auch technische Neuerungen, die Bergers Messungen ermöglichen: Neue Galvanometer oder Entladungsröhren erlauben die Aufzeichnungen kleinster bioelektrischer Signale. Abbildung: Frühe Ableitung von Hans Berger (Quelle: Wikimedia Commons) In den 1930er-Jahren verbreitet sich das EEG von Jena aus in Europa und Nordamerika. Die neue Technik fällt in eine Zeit, in der Apparate die Medizin verändern: Röntgenbilder, Herzkurven, Blutanalysen und elektrische Messungen rücken den Körper in eine neue, technisierte Sichtweise. Das Gehirn wird dabei zu einem besonders faszinierenden Objekt – zugleich Sitz der Persönlichkeit und messbare Maschine. In den ersten Jahren nach seiner Einführung erlebt das Elektroenzephalogramm (EEG) eine Phase grosser öffentlicher Begeisterung und wissenschaftlicher Unsicherheit. Nach Hans Bergers ersten Publikationen Ende der 1920er-Jahre wird das EEG in der Presse als «Gedankenlesemaschine» gefeiert – Symbol einer elektrifizierten Moderne und Projektionsfläche für Hoffnungen auf die Entschlüsselung des Geistes. Unter Fachleuten hingegen herrscht zunächst Skepsis: Die Methode gilt als technisch fragil und theoretisch unklar. Erst als der britische Physiologe Edgar Adrian 1934 Bergers Befunde bestätigt und öffentlich demonstriert, gewinnt das EEG wissenschaftliche Anerkennung. Bald zeigt sich sein praktischer Wert, vor allem in der Epilepsiediagnostik, wo charakteristische elektrische Muster beobachtet werden können. Neue elektrodiagnostische Methoden in Bern Nach dem Zweiten Weltkrieg finden auch in der Schweiz die ersten EEG-Apparate Anwendung. Es entsteht eine kleine, engagierte Szene von Ärzt:innen, die das neue Verfahren erproben. In Bern nimmt 1948 Werner Bärtschi-Rochaix in seiner gemeinsam mit seiner Frau Fanny geführten Praxis von an der Sulgeneckstrasse das erste EEG-Gerät in Betrieb. Hier treffen sich Neurologen, Psychiater und Physiologen, um die noch neuen, vielen unbekannten Kurven zu deuten. Bald entsteht eine schweizweite Arbeitsgemeinschaft, die sich dem Austausch über technische Verfahren und klinische Interpretation widmet. Das EEG führt als eine diagnostische Neuerung auch verschiedene medizinische Disziplinen zusammen. Ebenfalls neu im Diagnose-Repertoire um 1950: die Elektromyografie (EMG). Die EMG kann die elektrische Muskelaktivität messen und grafisch darstellen und dient den Ärzt:innen zur Unterscheidung, ob eine muskuläre Krankheit oder nervliche Krankheit vorliegt. Auch bei der EMG gehört das Ehepaar Bärtschi-Rochaix zu den Pionieren in Bern und nimmt in den frühen 1950er Jahren die ersten Messungen vor. Am Inselspital bleibt die Neurologie verhältnismässig lange Teil der Inneren Medizin. Der langjährige Direktor, Hermann Sahli, geht zwar in seinem Lehrbuch zwar in seinem Lehrbuch sehr ausführlich auf neurologische Erkrankungen ein, steht jedoch der Spezialisierung der Medizin skeptisch gegenüber. Das erste EEG-Labor am Inselspital entsteht 1952 in einem Umfeld, in dem sich die Neurologie erst langsam von der Inneren Medizin und der Psychiatrie abgrenzt. Das EEG bietet hier einen entscheidenden Vorteil: Es liefert objektive, messbare Daten, wo zuvor Beobachtung und Erfahrung dominieren. Besonders in der Epilepsiediagnostik verändert sich die Praxis grundlegend. Erstmals lässt sich elektrische Aktivität zwischen Anfällen registrieren – die Krankheit erscheint nun nicht mehr nur als sichtbares Verhalten, sondern als Kurve auf Papier. Abbildung der kraniocerebralen Topographie nach Horsley und Kocher in de Quervains Lehrbuch, 1911 (Quervain, Fritz de: Spezielle chirurgische Diagnostik für Studierende und Aerzte : mit 462 Abbildungen im Text und 4 Tafeln. Leipzig : Verlag von F.C.W. Vogel, 1911. Universitätsbibliothek Bern, BeM ZB Med 4719 d, https://doi.org/10.3931/e-rara-104617 / Public Domain Mark) Die Anfänge im Inselspital sind jedoch bescheiden und sie geben einen Eindruck von dieser frühen Phase des Fachgebiets der Neurologie: Es ist mit Robert Georg Isenschmid ein Professor für Innere Medizin, der das erste Labor einrichtet. Er beauftragt seinen Assistenzarzt René Monteil, den EEG-Apparat der Firma Grass zusammenzusetzen. Um ihn überhaupt bedienen zu können, geht Monteil für einige Wochen nach Zürich, um sich von Rudolf M. Hess in die EEG-Diagnostik einführen zu lassen. Als sich Monteil gegen das Fachgebiet Neurologie entscheidet, betreut Bärtschi-Rochaix im Nebenamt das Labor. Fotoporträt von Robert Georg Isenschmid, Fotograf unbekannt (Institut für Medizingeschichte der Universität Bern, Inv.-Nr. G024) Erst im Verlauf der 1950er- und 1960er-Jahre wird das EEG-Labor am Inselspital zu einer festen Einrichtung. Die Apparate sind gross, empfindlich und aufwendig zu bedienen. Die ersten Aufzeichnungen entstehen auf langen Papierstreifen, die in dunklen Räumen entwickelt und von erfahrenen Ärztinnen und Technikern visuell ausgewertet werden. Die Kurven sind nicht selbsterklärend. Das Lesen braucht Übung   – die Ärzt:innen suchen nach Mustern, nach plötzlichen Ausschlägen, nach dem charakteristischen rhythmischen Zittern epileptischer Entladungen. Eine Neurologische Abteilung am Inselspital 1958 wird am Inselspital im Haus 12 eine neurologische Abteilung eingerichtet, die aber noch zur medizinischen Klinik gehört. Auch hier sind es bescheidene Anfänge: Das Gebäude stammt von 1884 und muss mit der Anästhesie geteilt werden. Auf der Bettenstation stehen zwei Sechsersäle und ein Einzelzimmer zur Verfügung. Für das EEG-Labor gibt es jedoch keinen Platz: Es befindet sich im heutigen Sahli-Haus 1. Geleitet wird die Abteilung von Rolf Magun, der im selben Jahr zum ausserordentlichen Professor für Neurologie berufen wird. 1966 wird die Neurologie schliesslich institutionell gestärkt und verankert. Es entsteht eine selbstständige Universitätsklinik. 1970 kann die Neurologie dann auch zwei Stockwerke im damals neuen Bettenhochaus beziehen. Mit der Etablierung der Neurologie als eigenständige Disziplin in den 1960er-Jahren erhält das EEG eine zentrale Rolle in Lehre und Forschung. Am Inselspital etabliert sich unter dem langjährigen Leiter der Neurologischen Klinik, Marco Mumenthaler, eine enge Zusammenarbeit zwischen Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie. Die elektrische Vermessung des Gehirns dient nicht mehr nur der Diagnose, sondern auch der Operationsvorbereitung – etwa bei der epilepsiechirurgischen Abklärung, bei der die Anfallsherde im Gehirn lokalisiert werden müssen. Das EEG wird so Teil einer neuen klinischen Infrastruktur, in der medizinische Technik, Forschung und Patientenversorgung ineinander übergehen. Auf Mumenthaler folgt ab 1990 Christian W. Hess als Ordinarius und Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Bern, eine Funktion, die er bis 2012 innehat. Unter seiner Leitung entwickelt sich die Neurologie in Bern stärker interdisziplinär: Diagnostik, Therapie und Rehabilitation werden eng vernetzt, neurologische Subspezialitäten ausgebaut und die Forschungsinfrastruktur erweitert, unter anderem mit einem neuromorphologischen Labor und einer neurovaskulären Abklärungsstation. Unter Hess führt   die Klinik1984 die Polysomnographie ein und 1990 ein klinisches Schlaflabor. Zudem treibt Hess gemeinsam mit Hans-Peter Ludin die Anwendung der transkraniellen Magnetstimulation (TMS) voran, sowohl diagnostisch als auch therapeutisch. Sie gehören damit zu den ersten, die sich nach einem kurzzeitigen Boom um 1900 ab Mitte der 1980er Jahren (wieder) intensiv mit der Magnetstimulation auseinandersetzen. Von «geniale» Gehirne, Delfinen und Bibern Neben Universität und Inselspital gibt es in Bern eine dritte Institution, die sich seit dem 19. Jahrhundert mit dem Gehirn befasst – die Waldau. Sie dient ab 1855 als «Kantonale Irrenanstalt». Hier wird das Gehirn nicht nur als Organ psychischer Krankheit verstanden, sondern auch als Forschungsobjekt. 1881 führt Gottlieb Burckhardt in der Waldau physiologische Experimente zur Erforschung der Gehirnbewegungen durch. Er untersucht beispielweise eine 21-jährige Patientin mit einem «Schädeldefekt» und epileptischen Anfällen. Sein Ziel ist, die arteriellen Pulsationen und spontanen Undulationen des Gehirns, also rhythmische Bewegungen infolge vaskulärer Aktivität, präziser zu erfassen. Dazu verwendet er ein technisch verbessertes System von Lufttransmissionskapseln, die über Gummiballons mit der Kopfhaut verbunden sind. Die Aufzeichnungen erfolgen mechanisch auf berusstem Papier. In die Medizingeschichte geht Burckhardt aufgrund seiner chirurgischen Eingriffe zur Behandlung psychischer Krankheiten nach seiner Berner Zeit ein. Er gilt damit als einer Pioniere der umstrittenen Psychochirurgie. Ein neuer Schwerpunkt entsteht mit der Berufung des deutschen Hirnanatomen Ernst Grünthal (1894–1972), der 1934 in der Waldau ein Hirnanatomisches Institut gründet. Unter seiner Leitung entwickelt sich die Klinik zu einem Zentrum der vergleichenden Neuroanatomie. Grünthal untersucht den Aufbau des Gehirns bei Mensch und Tier, um Fragen der Phylogenese und der «spezifisch menschlichen» Gehirnstruktur zu klären. Neben histologischen Untersuchungen legte er eine umfangreiche Gehirnsammlung mit rund 2500 dokumentierten Fällen an, die zu den grössten Europas zählt. Das Interesse in der Waldau am menschlichen Gehirn treibt bemerkenswerte Blüten: So besorgt sich das Hirnanatomische Institut 1946 das Gehirn des verstorbenen Philosophen Hermann Graf Keyserling. Keyserling – heute nur den wenigsten bekannt – gehört zu den bekanntesten Philosophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Publikationen finden viele Leser:innen und seine 1920 gegründete «Schule der Weisheit» wird von Prominenten wie etwa Thomas Mann gefördert. Seiner Bekanntheit steht jedoch die Skepsis der akademischen Philosophie und die offene Ablehnung von Autoren wie etwa Kurt Tucholsky gegenüber. Tucholsky rechnet in seinem Aufsatz der Darmstädter Armleuchter – damit meint er natürlich den in Darmstadt wohnenden Keyserling – scharfzüngig mit Keyserling und seinem Werk ab. Als Keyserling 1946 stirbt, wird sein Körper auf einem Innsbrucker Friedhof begraben. Sein Gehirn kommt jedoch nach Bern ins Hirnanatomische Institut. Wie es genau dahin kommt und was sich die Berner Forscher von der Untersuchung erhoffen, ist unklar. Seit dem 19. Jahrhundert interessiert sich die Gehirnforschung nicht nur «kranke», sondern auch für «geniale» Gehirne. Die Forschungsergebnisse zum Gehirn von Hermann Graf Keyserling sind dann überschaubar: Publiziert wird 1958 nur der Aufsatz Das Gehirn des Grafen Hermann Keyserling: Makroskopische Beschreibung . Darin versucht der Autor zu überprüfen, ob sich «die Genialität einer Persönlichkeit im Reliefbild der Hirnwindungen und -furchen […] äussert». Das Resultat ist dann ernüchternd. Die Bilder und Besonderheiten im «Furchenbild des Gehirns von Hermann Keyserling» weisen keine Auffälligkeiten auf, die auf dessen (angenommene) Genialität schliessen lassen. Auch Grünthals Nachfolger ab 1965, Giorgio Pilleri, forscht zur Anatomie des menschlichen Gehirns, weitet jedoch die Forschung bald auf Meeressäuger aus, um Evolutionen zu verfolgen, die anders als beim Menschen verlaufen sind. In den späten 1960er Jahren bringt er von einer Expedition nach Pakistan zwei Indus-Delfine mit nach Bern. Diese sind nahezu blind und bekannt für ihre Navigation und Kommunikation. Im eigens eingerichteten «Delfinarium» im Keller des Instituts verlieren die Delfine jedoch ihre Sprache und Pilleri stoppt die Versuche. Schon länger beschäftigt sich Pilleri mit den Gehirnen von Bibern – und zwar im Auftrag der US Air Force. Die US-Militärs interessieren sich für das «Bauzentrum» im Gehirn der geschickten Tiere. Pilleri reist in die USA, sammelt Informationen und bringt Bibergehirne mit nach Hause. Der Bund stoppt den Forschungsauftrag – mit der Begründung in einem neutrales Land sei offiziell keine Auftragsforschung von fremden Streitkräften möglich. Pilleri wird trotzdem zum Biberexperte und veröffentlicht in sieben Bände seine Investigations on Beavers. Spuren in den Berner Sammlungen Von dieser vielfältigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Gehirn finden sich verschiedene materielle Spuren in den Berner Sammlungen: Spätestens ab den 1950er Jahren können die Neurolog:innen für die Elektroenzephalografie auf serienmässig von verschiedenen Herstellern produzierte Apparate zurückgreifen. In der Medizinsammlung Inselspital Bern befindet sich ein mächtiger Elektroenzephalograph der Fritz Schwarzer GmbH. Fritz Schwarzer gründet 1936 ein erstes Unternehmen, das Messgeräte für verschiedene Anwendungsbereiche herstellt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird nun auch elektromedizinische Technik entwickelt – ab 1951 in München unter dem Namen Fritz Schwarzer GmbH. Der «Elektro-Enzephalograph Typ EEG 8K» aus den frühen 1960er Jahren umfasst acht Kanäle und kann auf die Signale auf Papier aufzeichnen. Während die Pioniere wie Berger zunächst die Kurven fotografisch festhalten – was laufende Beobachtungen einschränkt – setzen sich in der Folge Tintenschreiber durch. Fritz Schwarzer setzt dann auf eine Trockenschrift, indem er den eigentlichen Registrierstreifen mit Kohlepapier kombiniert. Etwas fehlt beim ältesten EEG in der Sammlung: die Elektrodenanschlussbox mit Vorverstärker, die an das Registriereinheit angeschlossen wird. Encephalograph Typ EEG 8K, Fritz Schwarzer GmbH, um 1960 (Medizinsammlung Inselspital Bern, Inv.-Nr. 10146) Aus der Kinderklinik stammt das zweite EEG-Gerät der Medizinsammlung. In der Kinderklinik (damals noch Jennerspital) in Bern ist es ab 1961 vor allem Franco Vasella, der sich mit der Epilepsie bei Kindern auseinandersetzt. Ab 1965 gibt es dort dann auch eine eigene EEG-Station. Das EEG 5521 des japanischen Herstellers aus den 1990er Jahren ist vollständig – inklusive Gerätewagen, Photostimulator und Elektrodenanschlussbox. Der Vergleich zwischen dem Apparat aus den 1960er und dem 40 Jahre später hergestellten Modell ist ein eindrückliches Beispiel für die Miniaturisierung der Medizintechniker. Mikroprozessoren erlauben seit den 1970er Jahren die Produktion kleinerer und leistungsfähigerer Geräte. Etwas ist jedoch gleichgeblieben: Die Aufzeichnung der Kurven erfolgt auch in den 1990er Jahren noch auf Papier. Elektroencephalograph Modell EEG-5521K mit Elektrodenanschlussbox, um 1990 (Medizinsammlung Inselspital Bern, Inv.-Nr. 15330) Elektroenzephalogramm eines Säuglings auf Endlospapier, (Medizinsammlung Inselspital Bern, Inv.-Nr. 15966) Aus der Pionierphase der Elektromyografie stammt das Modell 201-A von Meditron – nämlich aus den 1950er Jahren. Es unterscheidet sich auch optisch deutlich von jüngeren Geräten. Es ist mit Holz verkleidet und erinnert so eher noch an ein Möbelstück als an ein Laborgerät. Es erfasst die elektrischen Spannungen bei der Kontraktion von Muskeln und stellt sie grafisch auf einer Kathodenstrahlröhre dar. Dazu gehört eine Kamera, mit der die Kurven fotografisch fixiert werden können. Aus den frühe 1980er Jahren stammt dann ein Nachfolgegerät: Der Elektromyograph Neuromatic 2000. Die Kurven lassen sich dabei sowohl auf einem Monitor ablesen als auch auf Papier fixieren. Elektromyograf der Firma Meditron, um 1950 (Medizinsammlung Inselspital Bern, Inv.-Nr. 10035) Ein grauer Kasten auf Rädern ist dann Zeugnis der Forschung von Christian W. Hess und Hans-Peter Ludin. Ein Schlauch – der etwas an einen Staubsauger erinnert – führt zu einer Spule. Es ist ein Magnetstimulator, den Hess und Ludin höchstwahrscheinlich für ein vom Schweizerischen Nationalfonds gefördertes Projekt zur gezielten Magnetstimulation des Gehirns nutzen. Deshalb auch der Aufkleber der Universität Zürich, da das Projekt offenbar darüber eingereicht wird. Magnetstimulator aus der Forschung von Christian W. Hess und Hans-Peter Ludin, um 1993 (Medizinsammlung Inselspital Bern, Inv.-Nr. 10116) Nicht in der Medizinsammlung, aber in der Sammlung der befreundeten Berner Institution des Psychiatriemuseums Waldau sind zahlreiche Objekte der Hirnanatomischen Instituts von Ernst Grünthal und Girgio Pilleri untergebracht: Keine Delfine oder Biber – aber neben Mikroskopen und Mikrotomen auch rund 2500 histopathologische Fälle mit ausführlichen Dokumentationen sowie rund einer Million Hirnschnitten – unter anderem auch von Hermann Graf Keyserling.

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