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Objektgeschichten: Ersatzteile für den Körper



3 juin 2026



Der Mensch zwischen Natur und Technik


Es gibt Menschen und es gibt Dinge. Oder ist es komplizierter? Herzschrittmacher, Hüftprothesen, Beatmungsgeräte oder Herz-Lungenmaschinen: Die gegenwärtige Medizin kann bereits viele Körperteile oder Körperfunktionen ersetzen. Schon länger Menschen nutzen Menschen Hilfsmittel wie Brillen, Gehhilfen, Medikamente, Zahnfüllungen. Längst ist der menschliche Körper durchsetzt von Dingen. Schon länger werden deshalb Debatten geführt, ob wir ins uns einem Zeitalter befinden, indem sich die Grenze zwischen Körper und Technik auflöst. Der Cyborg – halb Mensch, halb Maschine – ist für die einen ein Traum, der Unsterblichkeit verspricht, für die anderen ist er Inbegriff einer dystopischen Zukunft.

Doch nicht nur technische Dinge befinden sich im menschlichen Körper. Auch der Mensch und seine Ideen und Theorien sind in Dinge eingeschrieben. Eine Hüftprothese oder ein Beatmungsgerät ist nie einfach nur ein Ding, sondern immer auch Ausdruck von zeitgebundenen Vorstellungen über Krankheit, Gesundheit und Medizin.

Im folgenden Beitrag beleuchten wir anhand konkreter Objekte aus der Sammlung Fragen und Debatten über die Grenzen zwischen «Natur» und «Technik» und den sich stellenden ethischen Fragen genauer.



Soziale Prothesen


In der Medizinsammlung befinden sich zahlreiche Objekte, die man als «Ersatzteile» des Körpers verstehen kann. Sie ersetzen permanent oder auch nur vorübergehend Körperteile, Organe oder deren Funktionen. Doch es gibt auch Objekte, die nicht funktionieren, sondern als ästhetische oder soziale Prothesen dienen. Sie sollen Verletzungen unsichtbar machen und so soziale Teilhabe ermöglichen.


Ein bekanntes Beispiel sind Augenprothesen, sogenannte «Glasaugen». Augenprothesen gehören zu den ältesten bekannten Hilfsmitteln der Medizin. Schon im alten Persien, vor rund 3.000 Jahren, wurden künstliche Augen aus Bitumen, Gold und anderen Materialien hergestellt und stellen zunächst wohl eher Schmuck oder Ritualobjekte dar. In der Renaissance beschreibt beispielsweise der Chirurg Ambroise Paré Prothesen aus Silber oder Gold, die emailliert waren, aber schwer und unbequem. In der Frühen Neuzeit entstehen dann in Venedig die ersten Augen aus Glas. Die neuen Glasaugen setzen sich europaweit durch und werden an unterschiedlichen Orten produziert und weiterentwickelt. Im 19. Jahrhundert etabliert sich das thüringische Lauscha als Zentrum der Herstellung von Glasaugen. Sie werden individuell geblasen, bemalt und so der natürlichen Augenfarbe angepasst. Auch Glas hat seine Nachteile: Es ist zerbrechlich und nicht sonderlich langlebig. Ab den 1940er Jahren kommt das stabilere Acrylglas zur Anwendung, heute werden die «künstlichen Augen» aus modernen Kunststoffe und Silikonen hergestellt.




Verschiedene Augenprothesen aus Glas; individuell bemalt (Medizinsammlung Inselspital Bern, Inv.-Nr. 14143)





Herstellung von Glasaugen, um 1920 (George Grantham Bain Collection / Wikimedia Commons)



Auch sogenannte Epithesen ersetzen keine Funktionen. Wenn beispielsweise die Nase oder Teile des Gesichts fehlen, können sie diese Defekte kaschieren. Auch sie haben eine weit zurückreichende Geschichte: Der Verlust der Nase war schon in der Antike ein medizinisches und soziales Problem. Berühmt ist der Astronom Tycho Brahe, der nach einem Duell im 16. Jahrhundert eine Metallnase trug. Ab dem 19. Jahrhundert setzte man verstärkt auf Nasenepithesen, die aus Porzellan, Kautschuk oder später neuen Kunststoffen gefertigt wurden. Um den Halt zu verbessern, kombinierte man sie mit Brillenfassungen – so auch bei diesem Objekt.




Brille mit Nasenepithese, um 1980 (Institut für Medizingeschichte, Inv.-Nr. BS-01025)

 

Doch nicht nur die Prothesen oder Epithesen verändern sich im Verlauf der Geschichte. Auch die Wahrnehmung und Einschätzung von verletzten und behinderten Menschen. In der Vormoderne galt eine körperliche Versehrung oft als moralischer Defekt oder gar als göttliche Strafe. Wer vom Ideal des aufrechten Ganges abwich, fand sich häufig am Rande der Gesellschaft wieder. Technik spielte in dieser Zeit kaum eine Rolle zur Integration; Behinderung war ein Schicksal, dem man mit Demut oder Ausgrenzung begegnete.


Mit dem Anbruch des 19. Jahrhunderts und dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft änderte sich dieser Blickwinkel. Es begann das «Zeitalter des Scheins». In einer Welt, die zunehmend Wert auf Konformität und Etikette legte, entstand verstärkt ein Druck zur Unauffälligkeit.


Prothese oder Modeaccessoire?


Wie sieht es mit Brillen aus? Während Glasaugen primär die Ästhetik wiederherstellt, «repariert» die Brille tatsächlich eine biologische Funktion. Sie ist in diesem Sinne eine hochwirksame «externe Prothese».


Doch macht uns das Tragen einer Brille bereits zum «künstlichen Menschen»? Wohl kaum. Die Brille bleibt ein Werkzeug, das wir ablegen können; sie ist nicht dauerhaft in unseren Organismus integriert und greift nicht aktiv in unsere Steuerungskreisläufe ein. Würde man jedes Hilfsmittel bereits als Cyborg-Technologie definieren, wären heute etwa 70 Prozent der Menschen Cyborgs.




Frühe Darstellung einer sogenannten Nietbrille; Ausschnitt eines Flügels des Hochaltars der Stadtpfarrkirche St.Georg in Nördlingen, gemalt von Friedrich Herlein, 1462 (Wikimedia Commons)


Zudem hat die Brille einen kulturellen Wandel vollzogen, den kaum ein anderes medizinisches Objekt geschafft hat: Vom stigmatisierten «Krückstock für die Augen» zum modischen Accessoire und Lifestyle-Objekt. Medizintechnik kann also nicht nur als Hilfsmittel zur Reparatur eines Mangels wahrgenommen werden, sondern auch als Teil der persönlichen Identität.


Wenn Technik unter die Haut geht


Obwohl wir heute bei «Cyborgs» oft an Science-Fiction-Helden denken, liegt der Ursprung des Begriffs in der harten Wissenschaft. Das Wort wurde 1960 von den Wissenschaftlern Manfred Clynes und Nathan Kline geprägt und zwar mit Blick auf die Sterne. Ihre Idee: Um im lebensfeindlichen Weltraum zu überleben, sollte man nicht nur die Raumschiffe perfektionieren, sondern den menschlichen Körper selbst durch Technik anpassen. Ein «cybernetic organism» (kurz: Cyborg) sollte ein Wesen sein, bei dem organische und technologische Komponenten eine untrennbare Einheit bilden.

In der Medizinsammlung des Inselspitals sehen wir, wie diese Vision – fernab vom Weltall – im klinischen Alltag Realität wurde. Die Kybernetik betrachtet den Körper als ein System von Regelkreisen. Wenn ein solcher Kreislauf versagt – etwa wenn das Herz nicht mehr im richtigen Rhythmus schlägt oder die Niere das Blut nicht mehr reinigt –, tritt die Technik an die Stelle des Organs.

 


Herzschrittmacher Chardack-Greatbatch, 1961 (Inv.-Nr. 15257)

 

In diesem Sinn ist ein Objekt wie der Herzschrittmacher Chardack-Greatbatch von 1961 tatsächlich ein Stück Cyborg-Technologie. Während die Brille ein ablegbares Werkzeug bleibt, verschwindet der Herzschrittmacher im Körperinneren. Er ist nicht mehr nur ein Hilfsmittel, sondern wird integraler Bestandteil des Organismus. Die Technik übernimmt eine lebenswichtige Steuerungsfunktion – den Takt des Herzens – «kommuniziert» gewissermassen mit dem biologischen Körper. In der Medizinsammlung lässt sich diese Entwicklung eindrücklich nachvollziehen: Von den frühen, noch recht klobigen Modellen aus den 1960er- und 70er-Jahren bis hin zur extremen Miniaturisierung heutiger Geräte.

 


Herzschrittmacher Modell Minix 8341, um 1989 (Inv.-Nr. 15247)

 

An diesem Punkt der Medizintechnik verändert sich die Debatte grundlegend. Es geht nicht mehr um Mode oder Ästhetik, sondern um sehr weitgehende Abhängigkeit: Der Mensch wird zum Hybridwesen, dessen Überleben unmittelbar an das Funktionieren eines technischen Bauteils und dessen Energiequelle geknüpft ist. Der Herzschrittmacher macht deutlich, dass die Grenze zwischen «natürlich» und «künstlich» unter der Haut längst nicht mehr klar sind, wie man gemeinhin annehmen könnte.


Wenn Technik Sinne vermittelt


Ein besonders tiefgreifendes Beispiel für die Verschmelzung von Mensch und Maschine ist das Cochlea-Implantat (CI). Während ein klassisches Hörgerät den Schall lediglich verstärkt, umgeht das CI die defekten Haarzellen im Innenohr und stimuliert den Hörnerv direkt mit elektrischen Impulsen.


Die Entwicklung des CI-Technik verlief keineswegs geradlinig und es war nicht vorherzusehen, dass sie sich definitiv durchsetzt. Seit den 1950er Jahren gab es Versuche, den Hörnerv direkt zu stimulieren. Um 1970 wussten Elektrophysiologen sehr viel die Informationsverarbeitung, es war jedoch unklar, wie dieses Wissen genau genutzt werden sollte. Kritiker befürchteten, die elektrische Reizung würde nur «Lärm» erzeugen oder Gewebeschäden verursachen. In unserer Sammlung lässt sich die Entwicklung dieser Technologie nachvollziehen: Von den ersten Versuchen in den 1960er-Jahren bis hin zu den Mehrkanal-Implantaten der 1980er-Jahre, die erstmals eine differenzierte Sprachwahrnehmung ermöglichten. Technisch gesehen ist das CI ein Paradebeispiel für den Cyborg: Ein externer Prozessor fängt Geräusche ein, wandelt sie in digitale Signale um und sendet sie an ein Implantat unter der Haut.


Doch gerade beim CI wird die Medizintechnik-Debatte hochpolitisch. In den 1980er- und 1990er-Jahren löste die neue technische Möglichkeit      heftige Kontroversen aus, insbesondere in der Gehörlosen-Community. Kritiker warfen der Medizin vor, Gehörlosigkeit einseitig als technisches «Defizit» zu betrachten, das man reparieren müsse. Für viele Betroffene ist das Nicht-Hören jedoch kein Mangel, sondern die Grundlage einer eigenständigen Sprach- und Kulturgemeinschaft. Das Objekt in der Vitrine stellt uns also vor eine ethische Kernfrage: Dient die Technik dazu, den Menschen an eine «Norm» anzupassen, oder erweitert sie tatsächlich seine Freiheit?

 


Metallkoffer mit Demo-Set des Cochleaimplantates der Firma MedEL mit dem Audioprozessor Opus 2, 2010 (Inv.-Nr. 16597)




Auswahlbibliografie


Harrasser, Karin: Prothesen: Figuren einer lädierten Moderne, Berlin 2016.


Harrasser, Karin: Körper 2.0: Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen, Bielefeld 2014 (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft). Online: <https://doi.org/10.14361/transcript.9783839423516>.



Orland, Barbara: Artifizielle Körper- Lebendige Technik: technische Modellierungen des Körpers in historischer Perspektive, Zürich 2005 (Interferenzen 8).


Mihm, Stephen; Serlin, David Harley; Ott, Katherine: Artificial Parts, Practical Lives: Modern Histories of Prosthetics, New York ; 2002. Online: <https://doi.org/10.18574/nyu/9780814762431>.