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Das Berner Opium



15 janvier 2026



Das Institut für Medizingeschichte der Universität Bern betreut neben der Inselspital-Sammlung unter anderem auch eine pharmakognostische Sammlung mit beinahe 2500 inventarisierten Rohstoffdrogen. Darin befinden sich 27 verschiedene Muster des Papaver somniferums oder auf Deutsch: des Schlafmohns.


Die angehende Pharmazeutin Annalena Jäggi hat sich in ihrer Masterarbeit mit einem besonderen Exemplar dieser Sammlung unterschiedlicher Opiumsorten auseinandergesetzt – mit dem «Opium bernense» – dem Berner Opium. Sie berichtet im folgenden Beitrag darüber, wie sie naturwissenschaftliche und geschichtswissenschaftliche Methoden kombinierte und die weit zurückreichende wissenschaftliche Auseinandersetzung in Bern mit Schlafmohn und Opium, durch eine handschriftliche Analyse des Apothekers Pagenstecher, rekonstruierte.




Abbildung 1: Berner Opium (Krieger Barbara. Institut für Medizingeschichte der Universität Bern, Pharmakognostische Sammlung)



Ein Glas voller Geschichte


Ein zylinderförmiges Glasgefäss mit brauner Etikette – darauf handschriftlich die Bezeichnung der Droge: «Opium Bernense». So befindet sich das Objekt heute im Depot der pharmakognostischen Sammlung und ist auch über die Datenbank frei zugänglich einsehbar. Über die Herkunft des Berner Opiums wurde lange spekuliert. Der wohl beste Kenner der Sammlung, François Ledermann, schrieb noch 2011 in seinem Text in der Berner Zeitschrift für Geschichte: «Ob das Berner Opium der Berner pharmakognostischen Sammlung tatsächlich von Pagenstecher stammt, bleibt ein Geheimnis!» Eine neue Untersuchung des Berner Opiums im Kontext der Berner Pharmazie im 19. Jahrhundert konnte nun einen Teil des Geheimnisses lüften. Doch wie kam eigentlich Opium nach Bern? Opium gewinnt man durch das Anritzen unreifer Samenkapseln von Schlafmohn. Der Milchsaft trocknet und es entsteht eine braune bis schwarze Masse – das Rohopium. Das Opium wird hauptsächlich aus dem Schlafmohn – dem Papaver somniferum L. – aus der Familie der Papaveraceae und der Gattung der Papaver gewonnen.




Abbildung 2: Samenkapsel des Schlafmohns mit Milchsaft (Wikimedia Commons)



Abbildung 3: Nahaufnahme von Rohopium (Wikimedia Commons)


Der Schlafmohn stammt ursprünglich aus Mesopotamien und dem Alten Ägypten. Bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. finden sich erste Nachweise der Kultivierung und Nutzung der Pflanze. Der Name Papaver somniferum L. hat seinen Ursprung im Lateinischen und deutet die schlafbringenden Eigenschaften an. Über die Jahrtausende hinweg war Opium stets ein Mittel, das in der pharmazeutischen Praxis Anwendung fand. Bereits in der Antike war die schlafbringende Wirkung des getrockneten Milchsaftes bekannt. Auch in der Schweiz kultivierten die Pfahlbauer den Mohn, wobei ihre Absichten dahinter nicht genau geklärt sind. Im Mittelalter wurde das Opium dann in dickflüssigen Zubereitungen, sogenannten Latwergen, wie beispielsweise im Theriak integriert. Im 19. Jahrhundert wurde dann das Opium, neben der weiteren therapeutischen Anwendung im Bereich der Pharmazie und Medizin auch Forschungsobjekt in den Naturwissenschaften.

Heute weiss man: Im Schlafmohn sind etwa 50 Alkaloide enthalten – Pflanzeninhaltsstoffe, welche die Wirkung des Opiums massgebend beeinflussen. Besonders bekannt ist das Hauptalkaloid Morphin, das erstmals im 19. Jahrhundert vom Apothekergehilfen Friedrich Wilhelm Sertürner entdeckt und isoliert wurde.




Abbildunng 4: Darstellung des Schlafmohns in Johannes Hartliebs Kräuterbuch, 1460 (Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. Germ. 311, Bl. 300v, Public Domain)



Vom Schweizer Mohn zu Berner Opium


Hinweise über die mögliche Herkunft des «Berner Opiums» finden sich in Texten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die sich heute im Archiv der Burgerbibliothek Bern befinden. Die erste Beschäftigung mit dem «Berner Opiums» lässt für das frühe 19. Jahrhundert nachweisen und zwar durch den Landarzt Ulrich Kehr.


Ulrich Kehr, verstorben am 6. Januar 1816, war ein aus Rüderswil stammender und später in Worb praktizierender Arzt. Neben seiner Tätigkeit als Arzt kultivierte er auch Papaver somiferums und gewann daraus Schweizer Opium. Er dokumentierte den Anbau und äusserst sich auch zur Qualität des gewonnenen Opiums. In seinem Werk Über den Anbau des weissen Mohns und dessen vorteilhafte Benutzung auf ein wirksames Opium. Nebst einer chemischen Analyse des aus dem hieländischen Mohne gezogenen Opiums legt er dar, dass die Qualität des Berner Opiums, gemessen am Morphingehalt des Opiums, besser zu sein scheint als die Qualität importierter Opiumsorten.


Neben den chemischen Aspekten führte Kehr in seiner Schrift auch seine ökonomischen Überlegungen und Ideen zur Kultivierung des Mohnes auf. Er war davon überzeugt, dass der Mohnanbau in der Schweiz den steigenden Bedarf an Opium decken würde und somit der stetigen Teuerung dessen Imports entgegengehalten werden könnte. Auch ging er davon aus, dass sich somit ein neuer wirtschaftlicher Zweig etablieren könnte, wofür er Kinderarbeit als lukrative und effiziente Art der Opiumgewinnung vorschlug.



Pagenstechers Untersuchungen


An die Arbeit von Kehr schloss der Berner Apotheker Johann Samuel Friedrich Pagenstecher (1783 – 1856) an, der die Kramgass-Apotheke in der Berner Altstadt von seinem Vater übernommen hatte. Wie viele Apotheker des 19. Jahrhunderts war Pagenstecher interessiert an der Wissenschaft und selbst in der Forschung tätig.


Wie Kehr stellte Pagenstecher Versuche an, um Aussagen zur Qualität des Berner Opiums treffen zu können. Seine Analyse beruhte auf einer vergleichenden Untersuchung zwischen dem Opium bernense und dem «orientalischen» Opiums. Pagenstecher bestätigte die Aussage seines Vorgängers. Er stellte fest, dass die Berner Variante reicher an Morphin und somit qualitativ hochwertiger sei als die «orientalische».


In seinem 19-seitigen handschriftlich festgehaltenen Bericht mit dem Titel Vergleichende Untersuchung des aus hiesigem Mohne gewonnenen Opiums und des orientalischen beschrieb er sein genaues Vorgehen zur Isolation des Morphins – von ihm zu diesem Zeitpunkt noch «Morphium» genannt. Mit Hilfe eines Extraktionsverfahren isolierte er das Morphin aus zwei verschiedenen Opiumsorten. Die Proben des «Berner Opiums» und des «orientalischen Opiums» und deren Rückstände extrahierte er in aufeinander folgenden Schritten mit verschiedenen Flüssigkeiten wie essigsaurem Wasser, Alkohol oder Ammonium, indem er sie jeweils darin auflöste und anschliessend filtrierte. Dadurch erhielt er silberweisse, schmale Kristalle welche er als «das reinste Morphium» bezeichnete.


Flückiger, Tschirch und die pharmakognostische Sammlung


In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert beschäftigten sich mit Friedrich August Flückiger und Alexander Tschirch zwei Pioniere der wissenschaftlichen Pharmazie mit dem Opium. Als Apotheker, Forscher und Professoren prägten sie die Berner Pharmazie, die Ausbildung und auch die pharmakognostische Sammlung der Universität Bern massgeblich mit.


In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert beschäftigten sich mit Friedrich August Flückiger und Alexander Tschirch zwei Pioniere der wissenschaftlichen Pharmazie mit dem Opium. Als Apotheker, Forscher und Professoren prägten sie die Berner Pharmazie, die Ausbildung und auch die pharmakognostische Sammlung der Universität Bern massgeblich mit.


Der 1928 geborene Flückiger war Apotheker und Staatsapotheker in Bern und gilt als treibende Kraft der Institutionalisierung der Pharmazie an der Universität Bern als akademischem Fach. Er nutzte zunächst seine private pharmakognostische Sammlung als Lehrmaterial für seine Studierenden. Später trat er diese unentgeltlich dem Berner Staat ab. Er ermöglichte auch den Ankauf einer weiteren Sammlung als Ergänzung der bereits vorhandenen pharmakognostischen Sammlung. Die ständige Erweiterung zog jedoch ein Platzproblem nach sich, wodurch sie im Laufe der Zeit an verschiedenen Standorten untergebracht wurde.




Abbildung 5: Portrait von F.A. Flückiger, vor 1894 (Wikimedia Commons)


Der 1928 geborene Flückiger war Apotheker und Staatsapotheker in Bern und gilt als treibende Kraft der Institutionalisierung der Pharmazie an der Universität Bern als akademischem Fach. Er nutzte zunächst seine private pharmakognostische Sammlung als Lehrmaterial für seine Studierenden. Später trat er diese unentgeltlich dem Berner Staat ab. Er ermöglichte auch den Ankauf einer weiteren Sammlung als Ergänzung der bereits vorhandenen pharmakognostischen Sammlung. Die ständige Erweiterung zog jedoch ein Platzproblem nach sich, wodurch sie im Laufe der Zeit an verschiedenen Standorten untergebracht wurde.




Abbildung 65: Portrait von Alexander Tschirch, fotografiert von Franz Henn, 1926 (Wellcome Collection / Wikimedia Commons)



Alexander Tschirch (1856 – 1939) war Apotheker und später Professor der Pharmakognosie, pharmazeutischen und gerichtlichen Chemie und Rektor der Universität Bern. Tschirch ermöglichte im Jahr 1890 die Pharmazie als wissenschaftliche Disziplin an der medizinischen Fakultät zu etablieren und führte das Fach der Pharmakognosie ein. Tschirch forderte ein ausreichendes Institut für Pharmazie, welches ab 1893 in der alten Kavalleriekaserne in Bern untergebracht wurde. Das Institut enthielt drei Abteilungen, unter anderem die von Flückiger begonnene und von Tschirch erweitertete Pharmakognostische Sammlung.


Tschirch betreute beinahe 200 Dissertationen und bei ihm lässt sich auch die Beschäftigung mit Opium nachweisen. Vor der Bernischen Naturforschenden Gesellschaft im Jahr 1918 hielt er einen Vortrag, in dem er seine Idee bezüglich Öl- und Opiumgewinnung durch in der Schweiz angebauten Mohn vorstellte. In Tschirchs Vortrag «Oleum et Opium» berichtete er von seiner Idee, den Mohnanbau in der Schweiz einerseits zur Gewinnung von Öl, andererseits zur Gewinnung von Opium nutzbar zu machen. Seine Idee bezog er auf die zu diesem Zeitpunkt 100-jährige Untersuchung vom Apotheker Pagenstecher und erwähnte nebenbei auch den Landarzt Kehr. Des Weiteren ging Tschirch davon aus, dass das Opium bernense seiner Sammlung vom Apotheker Christian Müller stammte, der im 19. Jahrhundert Pagenstechers Versuche fortgesetzt hatte. Neben diesem Vortrag existieren auch zwei von Tschirch betreute Dissertationen, die das Opium ausführlich behandelten. In einer der beiden Dissertationen kommt das «Berner Opium» explizit zur Sprache. Der Dissertant stellte dabei fest, dass das «Berner Opium» frei von Verfälschungen und Unreinheiten sein soll.


Moderne Analyseresultate des Berner Opiums


Was lässt sich nun mehr als 100 Jahre später mit den neuesten Methoden über das Berner Opium herausfinden? Dem wurde durch eine UV- sowie massenspektrometrische Analyse verschiedener Opiumpräparate der pharmakognostischen Sammlung der Universität Bern durch die Forschungsgruppe von Dr. Christian Steuer an der ETH Zürich nachgegangen. Verschiedene Bestandteile der Opiumproben wurden durch die zwei verschiedenen Methoden bestimmt. Die Massenspektrometrie konnte dabei die prozentualen Anteile der verschiedenen Alkaloide aufzeigen.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Opium bernense der pharmakognostischen Sammlung der Universität Bern im Vergleich zu den anderen gemessenen Opiumpräparaten tatsächlich den höchsten Morphingehalt aufweist. Auch wenn die modernen Resultate nicht direkt mit den von Pagenstecher vergleichbar sind, ist es dennoch faszinierend, dass man mit einer Probe des «Berner Opiums» aus der pharmakognostischen Sammlung feststellen kann, dass der Morphingehalt im Opium bernense höher ist als in den zum Vergleich hinzugezogenen anderen analysierten Opiumsorten.


Die Bedeutung des Berner Opium für die Berner Pharmazie des 19. Jahrhunderts



Welche Bedeutung hatte das Berner Opium für die Berner Pharmazie des 19. Jahrhundert? Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Doch grundsätzlich lässt sich festhalten, dass sowohl der Mohnanbau in Europa und die daraus resultierende Opiumgewinnung als auch die Apotheker als Forscher und Hersteller grossen Einfluss auf die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts hatten. Die Bedeutung des Berner Opiums zeigt sich in der intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung durch verschiedene Akteure des 19. Jahrhunderts – von Kehr, über Pagenstecher bis zu Flückiger und Tschirch. Sie haben damit auch einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet haben, dass es seit dem 19. Jahrhundert Gegenstand der Forschung war und auch heute noch Gegenstand aktueller Forschung ist.




Auwahlbibliografie:


Jäggi, Annalena: Das Berner Opium in der Berner Pharmazie des 19. Jahrhunderts. Masterarbeit Universität Bern. Bern 2025.

Ledermann, François: Fundstück: Berner Opium, in: Berner Zeitschrift für Geschichte 73 (3), 2011, S. 44-. Online: <https://doi.org/10.5169/seals-327784>.

Pagenstecher, Johann Samuel Friedrich: Vergleichende Untersuchung des aus hiesigem Mohne gewonnenen Opiums und des orientalischen, Bern 1818.

 

Kehr, Ulrich: Über den Anbau des weissen Mohns und dessen vorteilhafte Benutzung auf

ein wirksames Opium. Nebst einer chemischen Analyse des aus dem hieländischen Mohne

gezogenen Opiums,2. Aufl. , Bern 1810, S. 3–46.

 

History of Opium, Opium Eating and Smoking, in: The Journal of the Anthropological Institute of Great Britain and Ireland 21, 1892, S. 329–332. Online: <https://doi.org/10.2307/2842564>.

 

Schilperoord, Peer: Mohn, in: Kulturpflanzen der Schweiz, Alvaneu 2017. S. 6–25.

 

Husemann Aug, Hilger A, Husemann Theod. Die Pflanzenstoffe. Zweite Auflage. Bd.

Zweiter Band. Berlin: Julius Springer; 1884. 665–671 S.

 

Zerobin, Claudia: Drei Berner Apotheker des 19. Jahrhunderts: Johann Samuel Friedrich Pagenstecher, Carl Abraham Fueter, Leonhard Christian Müller, Schweizerische Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Bern 1994.

 

Zerobin, Claudia: Friedrich Pagenstecher und das «wirksame Prinzip» des Opiums.

In: Schweizerische Apothekerzeitung 132 (1994), S. 471– 475.

 

Ledermann, François(Hg.): Schweizer Apotheker-Biographie: Festschrift zum

150jährigen Bestehen des Schweizerischen Apothekervereins, Bern 1993, S. 121–

123, 265–266, 339–341.

 

Ledermann, François: Pagenstecher, Johann Samuel Friedrich, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 10.02.2025. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/043665/2025-02-10/, konsultiert am 08.01.2026.

 

Tschirch, A.: Oleum et Opium (Separatabdruck aus der Schweiz Apotheker-

Zeitung), Zürich 1918. S. 1–6.

 

Ledermann, François: Flückiger, Friedrich August, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 23.08.2024. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/028822/2024-08-23/, konsultiert am 08.01.2026.

 

Ledermann, François: Tschirch, Alexander, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 07.01.2014. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/014671/2014-01-07/, konsultiert am 07.01.2026.