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Sammlungsgeschichten: Achtung Asbest!



September 14, 2026



Asbest ist den meisten als krebserregender Gefahrstoff ein Begriff, der vor allem in älteren Gebäuden vorkommt. Weniger bekannt ist, dass Asbest in einer Vielzahl unterschiedlicher Produkte verwendet wurde: Von Bremsbelägen für Autos bis zu Zigarettenfiltern kam Asbest zum Einsatz. Auch in der Medizinsammlung Inselspital Bern befinden sich historische Objekte, in denen Asbest verbaut wurde. Erfahren Sie hier mehr über das Material Asbest, seine Geschichte sowie den Umgang mit asbesthaltigen Objekten in der Medizinsammlung Inselspital Bern.


Asbest: ein ideales Mineral?


Als Asbest bezeichnen Mineralogen heute eine Gruppe von Mineralien, die natürlich vorkommen und eine faserige Struktur aufweisen. Asbeste unterscheiden sich in zwei Hauptgruppen: die Serpentin- und die Amphibolasbeste. Die am weitesten verbreitete Asbestsorte ist der Serpentinasbest Chrysotil, auch Weissasbest genannt, der über 90 Prozent des gesamten abgebauten Asbests ausmacht.
Asbestfasern verfügen über verschiedene Eigenschaften, die sie für den Menschen besonders interessant machen: Die Fasern des Weissasbest etwa sind zugfest, laugenbeständig, leiten keinen elektrischen Strom und sind vor allem nicht brennbar. Ihre hohe Flexibilität ermöglicht es zudem, dass die Fasern versponnen und weiter zu Textilien verarbeitet werden können. Als nicht brennbare Textilfaser war Asbest lange Zeit ein einzigartiger Werkstoff, mit breitem Anwendungsspektrum in den Bereichen Hitze-, Brand- und Schallschutz. Dass Asbest als lungengängige Faser jedoch ein grosses Gesundheitsrisiko für Menschen darstellt und Lungenkrebs, Mesotheliom und Asbestose verursachen kann, wurde erst spät berücksichtigt.


Abbildung: Gestein mit einem Anteil an Weissasbest (Chrysotil). (Quelle: Wikimedia Commons / Mai Seppel / Estonian Museum of Natural History, CC BY-SA 4.0)


Asbest: eine kurze Materialgeschichte


Asbest war in Europa bereits in der Antike als Werkstoff bekannt. Griechische Quellen überliefern verschiedene Anwendungen für das Material, das etwa zur Herstellung von Kerzendochten, Netzen oder Tüchern eingesetzt wurde. Besonders hervorgehoben wird in den Texten, dass Textilien aus Asbest über dem Feuer gereinigt werden konnten, ohne zu verbrennen. Abgebaut wurde Asbest in der Antike auf der griechischen Insel Euböa und auf Zypern. Das Mineral wird in den Quellen unterschiedlich bezeichnet: Etwa als «karpasisches Leinen», nach der zyprischen Halbinsel Karpas oder nach einer Stadt auf Euböa als «lithos karystos». Der griechische Arzt Dioskurides beschreibt Asbest in seiner De Materia Medica (1. Jh. v. Chr.) und nennt das Material «amiantos» (griech.: rein, unbefleckt), was sich in der heutigen französischen Bezeichnung «amiante» widerspiegelt.

Bis ins 18. Jahrhundert wurde Asbest nur in kleinen Mengen abgebaut und verarbeitet. Das änderte sich im 19. Jahrhundert drastisch. Ab etwa 1850 entwickelte sich eine spezialisierte Asbestwirtschaft, die das Mineral in grossem Massstab abbaute und weiterverarbeitete. Dazu wurden ertragreiche Asbestminen erschlossen und Fabriken zur Asbestverarbeitung gegründet. Führend im Abbau des Minerals wurde Kanada, wo in der Provinz Quebec eine über hundert Kilometer lange Asbestlagerstätte entdeckt wurde. Die Eigenschaften von Asbest waren so besonders, dass das Mineral 1878 auch auf der Weltausstellung in Paris als industrieller Werkstoff präsentiert wurde. Die Industrie entwickelte nun immer neue Asbestprodukte: feuerfeste Dachbeläge, Fertigbauteile, Filter, Dichtungen und Bremsbänder sind nur einige Beispiele für Asbestanwendungen im 19. Jahrhundert.

Ab den 1890er Jahren veröffentlichten Ärzte erste Berichte über die gesundheitsschädlichen Eigenschaften von Asbest, die jedoch auf wenig Beachtung stiessen. Ungeachtet der gesundheitlichen Gefahr konnte sich Asbest im 20. Jahrhundert weiter durchsetzen. Beispielhaft für die rasche Verbreitung von Asbestprodukten ist Asbestzement: Nur wenige Jahre nach der Patenterteilung 1900 existierten bereits in zehn verschiedenen europäischen Ländern Fabriken die Asbestzementplatten unter dem Namen Eternit hergestellten und vertrieben. Diese Platten kamen als Fassadenverkleidung, als Dacheindeckung aber auch für Gartenmöbel und Blumentöpfe zum Einsatz und sind auch heute noch in vielen Häusern verbaut. Asbestprodukte wurden nun auch zunehmend öffentlichkeitswirksam beworben und Asbest als «magic mineral» oder «Wunderfaser» gepriesen.


Abbildung: Reklame für die Asbest- und Gummiwerke Alfred Calmon AG in der Zeitschrift «Sport im Bild», 1921. Bei dem dargestellten weissen Gewand handelt es sich vermutlich um einen Schutzanzug aus Asbesttextil. (Quelle: Wikimedia Commons / ANNO, Österreichische Nationalbibliothek)


Die Weltkriege kurbelten den Bedarf an Asbest weiter an. Das Mineral galt als kriegswichtig und wurde unter anderem für den Bau von Schiffen und Flugzeugen verwendet. Der Asbestverbrauch in Europa erreichte in den 1970er Jahren seinen Höhepunkt: Asbest war nun ein etabliertes Material, das in nahezu allen Industrie- und Wirtschaftsbereichen verwendet wurde und in so alltäglichen Gegenständen wie einem Toaster oder einem Haarföhn vorkam.
Zu diesem Zeitpunkt war das gesundheitsschädigende Potenzial von Asbest schon lange bekannt: Bereits um 1900 konnten Mediziner asbestbedingte Lungenerkrankungen bei Arbeiter*innen in Asbestbetrieben dokumentieren und damit die Gefährlichkeit des Minerals für Menschen nachweisen. Diese Erkenntnisse führten zwar in den 1930er und 1940er Jahren zu neuen Arbeitsschutzmassnahmen und der Anerkennung von Asbestose als Berufskrankheit. Eine zunehmend kritische Auseinandersetzung mit dem Material selbst setzte jedoch erst ab den 1960er Jahren ein. Wichtig für diesen Wendepunkt war der US-amerikanische Arzt Irving Selikoff, der seine Forschung zu asbestbedingten Mesotheliomen auch der breiten Öffentlichkeit vermitteln und damit nachhaltiges Interesse für das Thema generieren konnte. Die öffentliche Debatte über Asbest führte bereits ab den 1960er Jahren zu strengeren Regulierungen des Werkstoffs und endete in den 1980er und 1990er Jahren mit dem kompletten Verbot von Asbest in den meisten Ländern Europas und Nordamerikas. In der Schweiz ist ein umfassendes Asbestverbot seit dem 1. März 1990 in Kraft. Wichtig zu wissen: Asbest ist in vielen Staaten Asiens, Afrikas und Süd- und Mittelamerikas nicht verboten und wird auch heute noch abgebaut, verarbeitet und recycelt.


Entsorgen oder Sanieren? Der Umgang mit asbesthaltigen Objekten in der Medizinsammlung


Auch in der Medizinsammlung Inselspital Bern befinden sich asbesthaltige Objekte. Das ist für medizinische und technische Sammlungen nicht ungewöhnlich, da Asbest häufig dort eingesetzt wurde, wo Elektrizität oder hohe Temperaturen zum Einsatz kamen. Gefahrstoffe wie Asbest stellen Sammlungen und Museen jedoch vor sammlungsethische Fragen und Herausforderungen im Kontext des Arbeitsschutzes.

Um mit asbesthaltigen Sammlungsobjekten sicher umgehen zu können, wurde in der Medizinsammlung Inselspital Bern zunächst eine systematische Schadstoffabklärung durch Expert:innen durchgeführt. Dabei wurden alle Sammlungsobjekte untersucht und jene Objekte identifiziert, an denen Asbest vorliegt. Auch weitere Schadstoffe wie Quecksilber, PCB oder Biozide wurden erfasst. Im Rahmen der Schadstoffabklärung dokumentierten die Expert:innen auch, wo und wie Asbestfasern am Objekt vorliegen. Auf Basis dieser Informationen wurde beurteilt, welches gesundheitliche Risiko von den einzelnen Objekten ausgeht und welche Massnahmen zu ergreifen sind. Während bei manchen Objekten das Anbringen eines Warnhinweises ausreichend war, blieb bei anderen nur die Wahl zwischen der professionellen Entfernung des Asbests (Asbestsanierung) und der Entsorgung des Objekts.

Für die Medizinsammlung ist diese Entscheidung schwierig: Als Sammlungsinstitution besteht grundsätzlich der Auftrag Objektbestände möglichst lange und möglichst unverändert zu erhalten. Ein Objekt aus der Sammlung zu entlassen (Deakzession) ist daher ein schwerwiegender Schritt, der gut überlegt und transparent dokumentiert werden muss. Auch die Asbestsanierung, also die Entfernung von Asbest vom Objekt, ist aus sammlungsethischer Sicht problematisch, stellt sie doch einen irreversiblen Eingriff in die Originalsubstanz eines Sammlungsobjektes dar. Neben diesen sammlungsethischen Überlegungen spielt auch der finanzielle Aspekt eine entscheidende Rolle, da Asbestsanierungen von ausgebildeten Asbestsanierer*innen durchgeführt werden müssen und teuer sind. Ob ein asbesthaltiges Objekt schliesslich saniert oder aus der Sammlung entlassen und entsorgt wird, muss für jedes einzelne Objekt sorgfältig geprüft und entschieden werden.


Asbesthaltige Sammlungsobjekte in der Medizinsammlung


Die Bandbreite an asbesthaltigen Objekten in der Medizinsammlung ist gross. Anhand von drei ausgewählten Objekten sollen hier verschiedene Anwendungen von Asbest an medizintechnischen Geräten vorgestellt und der Umgang der Medizinsammlung mit diesen Objekten erklärt werden.

Der Trockensterilisator aus den 1950er Jahren diente dazu medizinische Instrumente durch Hitzeeinwirkung keimfrei zu machen. Die Asbestanwendung am Objekt ist auf dem Foto erkennbar: Um die Türe des Sterilisators ist eine weisse Dichtung zu sehen. Es handelt sich dabei um eine Asbestdichtung in Form einer gewebten Asbestschnur. Asbest eignete sich für diese Anwendung da die Fasern flexibel sind und eine guten Dichtungswirkung erzielen. Als hitzebeständiges Mineral hält Asbest zudem den hohen Temperaturen (bis zu 180 °C) stand, die in einem Trockensterilisator herrschen.



Abbildung: Trockensterilisator, ca. 1955. (Medizinsammlung Inselspital Bern, Inv.-Nr. 13975)


Da es sich bei der Dichtungsschnur um schwachgebundenen Asbest handelt, bestand bei diesem Objekt die Gefahr einer Freisetzung von Asbestfasern, weshalb das Objekt entweder asbestsaniert oder aus der Sammlung entlassen und entsorgt werden musste. Da sich in der Medizinsammlung nur ein vergleichbares Objekt befindet, das Objekt in gutem Zustand und die Entfernung der Asbestdichtung relativ unkompliziert erschien, entschied sich das Sammlungsteam für die Sanierung des Objektes.
Während der Asbestsanierung wurde jedoch festgestellt, dass nicht nur die Dichtung, sondern die gesamte Isolierung des Gerätes aus ungebundenem Asbest besteht. Da die Entfernung der gesamten Asbestisolierung schwierig und sehr zeitaufwendig gewesen wäre, musste der Sterilisator schliesslich deakzessioniert und fachgerecht entsorgt werden.


Abbildung: Trockensterilisator, ca. 1955. Durch die Öffnung ist eine dicke Schicht ungebundener Asbestfasern erkennbar. (Medizinsammlung Inselspital Bern, Inv.-Nr. 13975)


Weniger kompliziert gestaltete sich die Asbestsanierung bei einer zahnärztlichen Behandlungseinheit aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Asbestanwendung am Objekt ist nicht auf den ersten Blick erkennbar: Unter den gläsernen Lampenschirmen befinden sich elektrische Leuchtmittel, die mit einer Isolierung aus Asbestkarton ausgestattet waren. Da die Asbestfasern im Karton nur schwach gebunden sind, bestand auch in diesem Fall die Gefahr einer Faserfreisetzung. Im Rahmen der Sanierung konnten die Asbestisolierungen relativ einfach abgenommen und entsorgt werden. Da die Isolierung im Normalzustand nicht sichtbar war, kam es durch die Entfernung des Asbestkartons auch zu keiner sichtbaren Veränderung am Objekt.


Abbildung: Zahnarztstuhl und Behandlungseinheit, frühes 20. Jahrhundert. (Medizinsammlung Inselspital Bern, Inv.-Nr. 13974)


Auch an diesem Perimeter, einem Gerät zur Vermessung des Gesichtsfelds, wurde eine Asbestanwendung identifiziert. Das Objekt hat eine Tischplatte aus Bakelit und Asbest, wobei die Fasern fest im Kunststoff gebunden sind. Bei sorgsamem Umgang und solange das Objekt unbeschädigt bleibt, ist die Gefahr einer Faserfreisetzung daher äusserst gering. Das Perimeter kann, so wie es ist, in der Sammlung verbleiben. Die einzige notwendige Massnahme ist die Kennzeichnung des Objekts als asbesthaltig. Zudem ist jede Bearbeitung oder Beschädigung der Tischplatte zu vermeiden.


Abbildung: Perimeter nach Goldman, 1945 und 1966. (Medizinsammlung Inselspital Bern, Inv.-Nr. 10128)


Der Blick auf die Geschichte von Asbest zeigt, dass sich unser Umgang mit diesem Material stark gewandelt hat. Die Euphorie über die «Wunderfaser» Asbest ist verflogen: Wo Asbest früher bedenkenlos verbaut wurde, ist das Material heute vollständig verboten und muss an vielen Stellen aufwendig entfernt werden. Dabei sind es nicht einfach neue Erkenntnisse und mehr Wissen über das Material, die zu diesem Wandel geführt haben. Ausschlaggebend ist auch, wie die Vor- und Nachteile von Asbest gegeneinander aufgewogen werden und welche Risiken uns tragbar erscheinen. Während wir Asbestfasern heute vor allem als gesundheitlichen Risikofaktor wahrnehmen, stand lange Zeit dessen Feuerfestigkeit und Nutzen für den Brandschutz im Fokus. Dass Asbest sich von einer «Wunderfaser» zum Schadstoff entwickelt hat, kann somit auch Resultat einer veränderten Risikowahrnehmung verstanden werden.


Auswahlbibliografie

 

  • Büttner, Jan Ulrich. Asbest in der Vormoderne: vom Mythos zur Wissenschaft. Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt, Band 24. Münster New York München Berlin: Waxmann, 2004.

  • Höper, Wolfgang E. Asbest in der Moderne: industrielle Produktion, Verarbeitung, Verbot, Substitution und Entsorgung. Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt 32. Münster New York München Berlin: Waxmann, 2008.

  • Maines, Rachel P. Asbestos and Fire: Technological Tradeoffs and the Body at Risk. New Brunswick, N.J: Rutgers University Press, 2005.

  • Oury, Tim D., Thomas A. Sporn, und Victor L. Roggli. Pathology of Asbestos-Associated Diseases. 3d edition. Heidelberg: Springer, 2014.

  • SUVA. „Asbest – einst Himmelsgeschenk, dann Teufelszeug“, o. J.

  • Wetzenkircher, Marina, Valentina Ljubić Tobisch, Technisches Museum Wien, und Österreichische Mediathek, Hrsg. Gefahrstoffe in Museumsobjekten: Erhaltung oder Entsorgung? Wien: Technisches Museum Wien, 2016.