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Ausstellungsgeschichten: Ein röntgender Meteorologe



2 septembre 2022



Allgegenwärtige Bilder - bescheidene Anfänge

Bildgebende Verfahren sind aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. Dass es eine Zeit gab, in der Ärzte entweder nur indirekt durch Abhorchen, Abklopfen und Tasten auf die Vorgänge im Körperinnern schliessen konnten oder dann den Körper aufschneiden mussten, ist kaum mehr vorstellbar – so präsent und selbstverständlich sind die Bilder. Die Berner Anfänge der bildgebenden Verfahren waren bescheidener: Als die Nachricht über die von Wilhelm Conrad Röntgen beschriebenen «X-Strahlen» in die Schweiz kam, waren es nicht Chirurgen oder Ärzte des Inselspitals, sondern ein Physiker, der die ersten Röntgenbilder herstellte.


Die durchleuchtete Labortür

In der Nacht zum 8. November 1895 machte der damals weitgehend unbekannte Wilhelm Conrad Röntgen in seinem Würzburger Labor eine sonderbare Beobachtung. Wie andere Physiker seiner Zeit experimentierte er mit einer sogenannten «Gasentladungsröhre» aus Glas. Dass sich bei hoher Spannung ein Strahl bildet, der sich von der Kathode ausbreitet, war schon länger bekannt. Doch Röntgen beobachtete, dass unbekannte Strahlen offenbar in der Lage sind, Gegenstände zu durchdringen. Röntgen glaubte zunächst an eine Täuschung und begann systematisch mit Nachprüfungen. Er durchleuchtete Holz, Gummi und seine Labortür. Besonders spektakulär: Als er seine Hand in die Strahlen hielt, sah er auf dem Leuchtschirm die Schatten seiner Handknochen.

Nach sieben Wochen intensiver Arbeit wandte er sich an die Öffentlichkeit. Am 28. Dezember 1895 publizierte er die kurze Abhandlung «Über eine neue Art von Strahlen» und am 23. Januar 1896 führte er das Phänomen der X-Strahlen und deren Fähigkeit, Körper und Gegenstände zu durchleuchten, einem begeisterten Publikum vor. Noch selben Monat war in der Fachwelt und der Öffentlichkeit die Entdeckung Röntgens bekannt. Die Neue Zürcher Zeitung hatte beispielsweise bereits am 10. Januar ausführlich über die X-Strahlen berichtet. (Schedel 1995: 117ff.) Vor allem für die Medizin lag der Nutzen auf der Hand: Ärzte und Chirurgen weltweit versuchten ohne nennenswerte Verzögerung, die mit X-Strahlen hergestellten Bilder für die Diagnose zu nutzen.


Aimé Forster – der röntgende Meteorologe

Als Röntgens Entdeckung bekannt wurde, äusserten sich einige Kollegen skeptisch. Doch die Kritiker verstummten schnell – nicht zuletzt weil sich die Experimente ohne grossen Aufwand nachprüfen liessen. In Bern stellte Aimé Forster die ersten Röntgenaufnahmen her. Fachlich hatte er zuvor keinerlei Bezug zur Medizin. Er war seit 1869 Professor für Physik an der Universität Bern hatte sich im Verlauf seiner Karriere mit geophysikalischen Fragen wie Niederschlagsverteilung oder Erdbeben auseinandergesetzt. Auf seine Initiative ging 1877 der Bau des «Tellurischen Observatoriums» zurück, das vor allem für meteorologische Aufzeichnungen und astronomische Beobachtungen genutzt wurde. Dass in Bern mit Forster ein Physiker als erster röntgte, war kein Zufall: Physiker hatten Zugang zu «Gasentladungsröhren» und konnten Röntgens Versuch wiederholen.


Aimé Forster (1843 – 1926) (Quelle: Staatsarchiv Bern TB Personen 896)


Altes Physikalisches Institut der Universität Bern mit Observatorium (Quelle: unibe.ch)

Aimé Forster rezipierte die Entdeckung seines Würzburger Kollegen sehr schnell. Bereits am 27. Januar – vier Tage nach Röntgens bahnbrechendem Vortrag in Würzburg – sprach er vor der Berner Ärzte- und Apothekervereinigung über seine eigenen Erfahrungen mit den X-Strahlen und demonstrierte erste selbst angefertigte Radiographien. Auf welchem Weg Forster von Röntgens Publikation erfahren hatte und ob diese ihm den Anstoss gab, Röntgenbilder herzustellen oder ihn vielleicht die Ärzte des Inselspitals darauf hinwiesen, ist unklar.

Sicher ist: In Forsters Labor an der Universität war das notwendige Material für die Herstellung von radiographischen Aufnahmen vorhanden. Zudem stand Forster schon länger im Kontakt mit Chirurgen des Inselspitals. Zehn Jahre zuvor hatte er Theodor Kocher geholfen, bei einer Patientin mit Hilfe eines Magneten eine Nadel im Daumen zu lokalisieren. Forster hatte jedoch gemäss eigenen Angaben zunächst «wenig Hoffnung, dass die Radiographie der Medizin wesentliche Dienste zu leisten imstande sei» (Forster 1896: 13). Sehr rasch etablierte sich jedoch eine produktive Zusammenarbeit mit dem Inselspital. Gemeinsam mit seinem Assistenten, Hans Schenkel, fertigte Forster nahezu ohne Unterbrechung von Januar 1896 bis Februar 1897 506 Aufnahmen von Inselpatientinnen und -patienten an, die dafür in das Physikalische Institut gebracht wurden (Wieser 1992: 161-164).

Diese Berner Kooperation zwischen Medizin und Physik fand schnell Anerkennung. Namentlich erwähnt wurde jedoch nur der beteiligte Mediziner: Am 1. Februar berichtete die renommierte Fachzeitschrift The Lancet über den bereits berühmten Theodor Kocher, der dank einer Radiographie eine in einer Hand steckende Nadel habe lokalisieren können und chirurgisch entfernen lassen. Aimé Forster, der die Bilder hergestellt hatte, blieb jedoch unerwähnt.

Der arrivierte Chirurg Kocher war nicht der einzige, der die neue Technologie schnell für sich entdeckte. Sehr früh nutzten beispielsweise drei Berner Mediziner die X-Strahlen, um radiographische Experimente mit Leichen durchzuführen, deren Resultate sie noch im April 1896 im Correspondenzblatt für Schweizer Ärzte vorstellten (Dommann 2003: 57-59).


Frühe «Radiodiagnostische Erfahrungen»

Im Herbst 1896 veröffentlichte Forster die Publikation «Radiographische Aufnahmen: ausgeführt mit Röntgenschen Strahlen im Physikalischen Institut der Universität Bern». Auf 15 Seiten erklärte Forster sein Vorgehen und fügte 32 Radiographien an. Er strich drei Anwendungsmöglichkeiten des neuen Verfahrens heraus: Erstens versprach er sich von radiographischen Aufnahmen «[n]ormale[r] Extremitäten» Erkenntnisse über «die Bildung und das Wachsen der Knochen im Organismus» –  ohne dafür wie bisher üblich Sektionen vornehmen zu müssen. Zweitens hielt er die neue Technologie für die Erkennung von Missbildungen und Fremdkörpern geeignet. Dazu führte er mehrere Beispiele an: eine «Verdoppelung des Daumens», Glas- oder Kupfersplitter, Schrotkugeln und (höchstwahrscheinlich) auch den Fall des Nadelbruchstücks, dessen chirurgische Entfernung in The Lancet besprochen worden war. Und schliesslich drittens die Diagnose von «Frakturen und Luxationen», deren Anwendbarkeit er ebenfalls mit mehreren Bildern belegte.



Nadelbruchstück im Zeigefinger - radiographische Aufnahme von Aimé Forster, 1896 (Quelle: e-rara.ch)


Trügerische Bilder

Forster war überzeugt, «dass sich in der Radiographie eine klinische Untersuchungsmethode von bleibendem Werte entwickelt», wies jedoch darauf hin, dass weiterhin eine enge Zusammenarbeit zwischen Physik und Medizin notwendig sei, um geeignete Diagnosemethoden auszuarbeiten (Forster 1896: 15).

Ein Beispiel dafür, dass die Beteiligten zuerst lernen mussten, die Bilder zu lesen und zu interpretieren, gab Forster selbst. Am 4. April 1896 hatte der Direktor der nicht-klinischen chirurgischen Abteilung des Inselspitals, Charles Girard, einen 21jährigen Mann in Forsters Labor geschickt. Diesem war eine Patrone Übungsmunition seines Ordonanzgewehres (Dienstwaffe) in den Händen explodiert. Die Messingsplitter hatten ihn im Gesicht, Hals und an einer Hand verletzt. Eine «Durchstrahlung» sollte nun Klarheit bringen, ob die Inselchirurgen alle Splitter hatten entfernen können. Die Aufnahme zeigte, dass im Hals kein Fremdkörper mehr zu sehen war. In der Hand hingegen schien eine Vielzahl von Metallsplittern zu stecken. Forster und zwei anwesenden Ärzten fiel jedoch ein «eigentümlich zerfasertes Aussehen» der Splitter auf und sie vermuteten «eine Täuschung durch eine noch unbekannte Fehlerquelle». Sie bemerkten Reste vom Desinfektionsmittel Iodoform auf dem Arm und tatsächlich: Nachdem sie diese abgewaschen hatten, war nur noch ein Splitter zu erkennen. Offensichtlich hatte das Desinfektionsmittel die Strahlen ähnlich absorbiert wie Metall (Forster 1896: 8).


Die Medizin übernimmt

Am einsetzenden Aushandlungsprozess über die Nutzung und Bedeutung der Röntgenbilder beteiligte sich Aimé Forster nicht mehr. Im Frühjahr 1897 drängte er auf die Schaffung einer spezialisierten Röntgeneinrichtung für den medizinischen Gebrauch und konzentrierte sich in der Folge wieder auf seine (geo-)physikalische Forschung. Der Verwaltungsrat des Inselspitals beschloss, eine eigene Röntgeneinrichtung anzuschaffen und beauftragten einen Anbau an der westlichen Stirnseite des Haller-Pavillons. Zum technischen Leiter des Röntgeninstituts wurde Forsters Assistent Hans Schenkel gewählt. Am 2. Januar 1898 – gut zwei Jahre nach Röntgens Entdeckung – konnte das Institut den Betrieb aufnehmen und schon bald nicht mehr nur Röntgenbilder herstellen, sondern auch therapeutische Bestrahlungen vornehmen.


Auswahlbibliographie

Geschichte des Astronomischen Instituts der Universität Bern (https://www.aiub.unibe.ch/ueber_uns/geschichte/index_ger.html)

Dommann, Monika: Durchsicht, Einsicht, Vorsicht : Eine Geschichte der Röntgenstrahlen 1896-1963, Zürich 2003.

Forster, Aimé: Radiographische Aufnahmen : ausgeführt mit Röntgenschen Strahlen im Physikalischen Institut der Universität Bern, Bern 1896. Online: <http://www.e-rara.ch/bes_5/20781925>, Stand: 16.09.2022.

Wieser, Constant: Theodor Kocher und die Anfänge der Radiologie in der Schweiz, in: Gesnerus, 49 (2), 1992, S. 161-165.

Wieser, Constant; Etter, Hans; Wellauer, Josef u. a.: Radiologie in der Schweiz, Bern 1989.

Schedel, Angelika: Der Blick in den Menschen: Wilhelm Conrad Röntgen und seine Zeit, München, Wien, Baltimore 1995.