Messen

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Im 19. Jahrhundert versuchen Wissenschaftler, die Welt mit Zahlen zu erfassen. Anthropologen vermessen menschliche Körper, und Mediziner erfassen Körperfunktionen. Physiologen dringen ins Körperinnere vor und Pathologen prüfen nach dem Tod Krankheitsverläufe. Systematische Messungen identifizieren und erklären erstmals Phänomene wie Fieber oder Blutdruck. Im späten 19. Jahrhundert finden diese wissenschaftlichen Messungen Eingang in die medizinische Praxis. Damit verlieren subjektive Einschätzungen an Bedeutung. Ärzte und Patientinnen orientieren sich an mess- und vergleichbaren Zahlen und Messkurven. Sie gehören bis heute zum Standard der medizinischen Forschung und Praxis.

Thermometer und Kurven

Mediziner interessieren sich schon lange für die Körpertemperatur, und Physiologen messen sie aus Forschungszwecken vereinzelt. Systematische Messungen setzen sich jedoch erst im 19. Jahrhundert in den neuen Krankenhäusern durch. So übersetzen Ärzte einen subjektiv wahrgenommenen Zustand in eine Zahl. Zunächst bleibt offen, was die gemessenen Werte genau bedeuten. Die Darstellung der Werte in Kurven bringt den Durchbruch und ist heute ein diagnostisches Standardverfahren. Diese Abbildungen helfen dabei, typische Fieberverläufe einzelner Krankheiten zu identifizieren. Kurz vor 1900 fangen auch die Privathaushalte an, Fieber zu messen. Das Thema wird in der Ratgeberliteratur aufgegriffen, und Fiebermessen wird so zur Selbstverständlichkeit.

Vom Forschungsinstrument zum Alltagsgegenstand

Die ersten Thermometer sind lang und unhandlich und finden vor allem in der Forschung Verwendung. Im 19. Jahrhundert setzt sich ein 15 Zentimeter langes Thermometer durch, das über die Ausdehnung einer Quecksilbersäule funktioniert. Form und Funktionsweise bleiben lange Zeit fast unverändert. Im 20. Jahrhundert kommen elektrische, dann digitale Fiebermesser und schliesslich Infrarot–Thermometer auf. Sie messen genau und besonders letztere innerhalb weniger Sekunden. Der tragbare Taschenthermometer mit dem giftigen Quecksilber hält sich jedoch hartnäckig und findet bis in die 1990er-Jahre Verwendung.

Blutdruck in Zahlen

Mitte des 19. Jahrhunderts gerät der Blutdruck in den Fokus der Medizin: Physiologen entwickeln Messinstrumente und beginnen, ihn quantitativ zu erfassen. Diese Laborarbeit steht stellvertretend für ein neues quantitatives Krankheits- und Gesundheitsverständnis. Ärzte greifen jedoch nur zögernd auf die neue Methode zurück. Sie können mit den Werten wenig anfangen und fürchten den Verlust ihrer Urteilsfähigkeit. Als sich ab 1900 handliche Instrumente und das Konzept des gefährlichen Bluthochdrucks durchsetzen, wird die Blutdruckmessung zur selbstverständlichen medizinischen Diagnosemethode: Der instrumentell erzeugte Wert erlaubt es dem Arzt, eine Diagnose zu stellen, und zwar unabhängig von den subjektiven Schilderungen des Patienten oder der Patientin. Objektivierende Methoden wie die Blutdruckmessung führen damit auch zu einer grundlegenden Veränderung der Beziehung zwischen dem Arzt und seinem Patienten oder seiner Patientin.

Arterienbewegungen

Seit der Antike erfassen und interpretieren die Ärzte den Puls. Doch erst im 19. Jahrhundert nutzen Physiologen Instrumente, die den Puls quantitativ erfassen und darstellen. Ein erster Schritt ist die Entwicklung des sogenannten Sphygmographen ab 1850: Das Instrument zeichnet dauerhaft Pulsfrequenzen auf. Die sich ausdehnende und wieder zusammenziehende Arterie bewegt dabei ein Plättchen, dessen Bewegung auf einen Papierstreifen übertragen wird.

Vom Puls zum Blutdruck

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickeln Mediziner verschiedene Blutdruckmessgeräte. Als Durchbruch gilt der Sphygmomanometer des italienischen Arztes Scipione Riva-Rocci. Neu ist eine Armmanschette. Sie wird mit Luft gefüllt. Der Druck der Manschette wird von einem Quecksilbermanometer gemessen. Löst sich der Druck, fällt das Quecksilber. Der Wert, bei dem der Puls wieder auftritt, bezeichnet den oberen Blutdruck. Das Grundprinzip des einfach zu bedienenden Instruments, das gleichzeitig schnelle und präzise Resultate liefert, hat bis heute Bestand.

Langzeit- und Selbstmessung

Im 20. Jahrhundert werden Blutdruckmessgeräte und Methoden weiter verfeinert. 1968 kommt erstmals ein vollautomatisches Gerät auf den Markt. Es ermöglicht 24-Stunden-Langzeitmessungen. Somit kann man Blutdruckveränderungen am Tag und in der Nacht unterscheiden. Im Verlauf der 1970er-Jahre etablieren sich leicht zu bedienende elektronische Selbstmessgeräte. Sie bestimmen die Schwingungen des pulsierenden Blutes und errechnen daraus den Blutdruck. Erkrankte können damit ihren Blutdruck selbst zuhause messen und die Resultate mittels der etablierten Grenzwerte einordnen.

Messen in Bern

Auch in Bern sind um 1900 quantitative Methoden bereits Standard. Hermann Sahli, ab 1888 Direktor der medizinischen Uniklinik des Inselspitals, setzt sich unter anderem mit der Puls– und Blutdruckmessung auseinander. Mit seinem 1894 erschienenen Hauptwerk «Lehrbuch der klinischen Untersuchungsmethoden» will er die exakte Diagnostik vorantreiben. Dazu entwickelt er auch verschiedene, leicht bedienbare Instrumente. Sahli sieht einen Vorteil darin, dass diese handlicheren Instrumente nicht nur von Klinikern, sondern auch von Hausärzten verwendet werden können. Sahli versteht den menschlichen Organismus als Einheit und ist deshalb ein Gegner der zunehmenden Spezialisierung der Medizin.

Link zu Spezialisierungen in der Inselgeschichte

Ein handliches Blutdruckmessgerät

Hermann Sahli ist ein Gegner der Blutdruckmessung mittels Manschette. Er bevorzugt die Messung mit einem Quecksilbermanometer und einem Druckpolster, einer sogenannten Pelotte, die er überarbeitet. Sahlis weiterentwickeltes Taschensphygmomanometer ist für die ambulante Behandlung, etwa in der Hausarztpraxis, vorgesehen. Es ist unkompliziert in der Anwendung, und der Patient oder die Patientin muss sich dabei nicht ausziehen. Zudem ist es handlich, hat in jeder Manteltasche Platz und kann so leicht transportiert werden.

Vergleichendes Messen

Die moderne Chemie und Biochemie eröffnet der Medizin das breite Feld der Blutanalyse. Über den Hämoglobinwert lässt sich Blutarmut diagnostizieren, die ansonsten über äusserliche Symptome, wie eine blasse Hautfarbe festgestellt wird. Sahli wünscht sich ein einfaches und zuverlässiges Messgerät – und verbessert kurzerhand die bisherigen sogenannten Hämometer. Das Gerät erlaubt dem praktischen Arzt, mit dem medizinischen Fortschritt zu gehen und dennoch unabhängig zu arbeiten. Sahlis Modell wird zum jahrzehntelang benutzten und oft imitierten Bestseller.

Körper vermessen

Vermessungen machen im 19. Jahrhundert auch vor dem menschlichen Körper nicht halt. Schädel- und Körpergrössen, Haar-, Haut- und Augenfarben: Mediziner und Anthropologen vermessen alles. Die Anthropometrie, die Lehre der Vermessung des menschlichen Körpers, spielt dabei eine bedeutende Rolle. Mit anthropometrischen Instrumenten und Verfahren wird nach vergleichbaren Werten gesucht: durch systematische Vermessungen von Schulkindern und Rekruten oder auf Forschungsreisen. Anthropologen stellen Typologien auf und bestimmen, was als «normal» oder «abnormal» gilt, was gesund, krank, europäisch und nicht-europäisch ist. Solche Klassifikationen stützen die Vorstellung vermeintlicher «Rassentypen» hervor und gipfeln in der verheerenden Rassenideologie des Nationalsozialismus.

Körpergrösse und Schädelumfang

Zur Vermessung des Körpers nutzen Anthropologen verschiedene Instrumente. Mit einfachen Messlatten halten sie etwa Körpergrössen fest. Das sogenannte Anthropometer besteht aus vier zusammensteckbaren Teilen und ist vielfältig einsetzbar: zur Bestimmung der Schulterbreite, der Arm- und Beinlänge oder des Brustumfangs. Für die Messung des Schädelumfangs dient der Kraniometer. Mit den erhobenen Messwerten versuchen die Anthropologen, Typologien zu erstellen und diese einem Geschlecht oder einer Ethnie zuzuordnen.

Haarfarben und Haarformen

Im frühen 20. Jahrhundert erfassen Rassenanthropologen auch das äussere Erscheinungsbild des Menschen. Zur präzisen Bestimmung der Augen- und Haarfarben greifen sie auf Farbtafeln zurück. So führt 1914 der schweizerisch-deutsche Anthropologe Rudolf Martin eine Augenfarbtafel ein, die stetig weiterentwickelt wird und die bei der Bestimmung von «Menschenrassen» helfen soll. Nach demselben Prinzip funktioniert auch die Haarfarbentafel des deutschen Eugenikers Eugen Fischer. Hier werden verschiedene Haarfarben einer Skala von Farbtönen zugeordnet. Fischer gilt als Wegbereiter der NS–Rassenideologie.

Wie viel ist zu viel?

Um Messwerte einordnen und vergleichen zu können, sind Grenzwerte notwendig. Wie die Kategorien «gesund» und «krank» sind auch diese Werte keine natürlichen Konstanten. Die Forschung gewinnt laufend neue Erkenntnisse, die zu neuen Einschätzungen von Gesundheitsrisiken führen. So definiert die Medizin, ab welchem Wert der Blutdruck, der Cholesterinspiegel, die Knochendichte oder das Körpergewicht nicht mehr als normal, sondern als krankhaft gelten. Dies ist allerdings keine rein wissenschaftliche Entscheidung: Auch Ärzteverbindungen, Patientenorganisationen, Krankenkassen, Pharmafirmen und gesellschaftliche Veränderungen nehmen darauf Einfluss, welche Werte sich schlussendlich durchsetzen.

Mehr Patienten und Patientinnen

In den späten 1950er-Jahren werden erste Medikamente zur Senkung des Blutdrucks entwickelt. Die Pharmaindustrie wirkt darauf ein, dass möglichst tiefe Grenzwerte für die Behandlung festgelegt werden. 1983 legt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Grenzwert für Bluthockdruck auf 140/90 fest. Die American Heart Association korrigiert ihn 2017 auf 130/80 nach unten. Damit gelten Millionen von Menschen neu als Bluthochdruckpatienten und -patientinnen – und werden entsprechend mit Medikamenten behandelt.

Body Mass Index

Der Body-Mass-Index (BMI) ist ein Mass für die Bewertung des Körpergewichts im Verhältnis zur Körpergrösse (Gewicht pro Körpergrösse im Quadrat). Der BMI wird seit den 1980er-Jahren angewendet. Es ist jedoch umstritten, ab welchem Wert man als übergewichtig gilt. 1998 senkten die US-amerikanischen Gesundheitsbehörden den bisherigen Grenzwert von 27,8 bei Männern und 27,3 bei Frauen auf 25 für beide Geschlechter. Viele Personen, die vorher als normalgewichtig galten, werden nun als übergewichtig definiert. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat diesen Wert übernommen, obwohl nicht geklärt ist, ob Personen mit einem BMI von 25 bis 30 ein erhöhtes Gesundheitsrisiko aufweisen.

Grenzen des Messens

Nicht alle Ärzte begrüssen das Aufkommen der quantitativen Methoden. Einige lehnen sie ab und suchen nach Alternativen. So erleben im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Naturheilkunde und andere alternativmedizinische Verfahren einen Aufschwung. Ihnen liegt ein anderes Krankheitsverständnis zugrunde: Der Mensch wird als ganzheitliches System mit Fähigkeit zur Selbstheilung betrachtet. Objektivierendes technisches Wissen, Zahlen und Messungen sind in der Alternativmedizin nur am Rande von Bedeutung – ganz ohne objektive Werte kommt allerdings auch sie nicht aus: So wird beispielsweise bei der Bestimmung des «Biorhythmus» ebenfalls auf Messungen zurückgegriffen. Auch in der Schulmedizin wächst allmählich das Bewusstsein, dass Gesundheit und Krankheit nicht vollständig mit Zahlen beschrieben werden können.

Kleine Globuli – ein ganzheitliches Prinzip

Die Homöopathie stellt den individuellen Menschen in seiner Gesamtheit in den Mittelpunkt. Sie betrachtet eine Krankheit nicht als ein isoliertes, sondern als ein durch mehrere Faktoren verursachtes Phänomen. Die Diagnose erfolgt nicht über messende Verfahren, sondern vor allem durch das Gespräch mit der Patientin. Die Therapie zielt darauf ab, Symptome mit ähnlich wirkenden Mitteln zu verstärken, damit sich der Organismus selbst heilen kann. Viele Homöopathen und Homöopathinnen verstehen ihre Praxis aber nicht mehr als Gegensatz, sondern als Ergänzung zur Schulmedizin. In diesem Sinn wird das Konzept auch in der Berner Insel verstanden: Seit 1994 wird die Homöopathie dort als ein komplementäres Verfahren beforscht und angewendet.

Gleichgewicht statt Zahlen

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wird die Medizin durch die sogenannte Säftelehre dominiert, die nicht auf einem quantitativen, sondern einem qualitativen System beruht: Es geht nicht um absolute Mengen, sondern um ein Zuviel oder ein Zuwenig an Kälte, Hitze, Feuchtigkeit oder Trockenheit. Ziel der Kräutertherapie, des Aderlasses oder des Schröpfens ist es, ein Gleichgewicht in der Beschaffenheit und der Zirkulation der Körpersäfte zu erreichen. Die moderne Biomedizin bricht radikal mit diesem Konzept. Dennoch finden die alten Ideen und Therapieformen für lange Zeit und teilweise bis heute noch Anklang.

Rhythmus des Lebens

In den 1970er-Jahren bringt der Elektronik-Konzern Casio den «Biolator» auf den Markt. Eigentlich als ein Taschenrechner konzipiert, lässt sich mit dem Gerät auch der «Biorhythmus» berechnen und grafisch in Kurven darstellen. Die um 1900 erstmals formulierte und in den 1970er-Jahren popularisierte Idee des «Biorhythmus» basiert auf der Annahme, dass jedem Menschen seit der Geburt drei innere Uhren zugrunde liegen, die die geistige, körperliche und emotionale Verfassung beeinflussen. Der «Biolator» nutzt quantitative Methoden und trägt damit in den Folgejahren zum Hype der Idee bei. Der Biorhythmus beruht ansonsten nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen.

Lebensqualität

Um den medizinischen Fortschritt zu bestimmen, werden lange die Anzahl verfügbarer Spitalbetten oder die durchschnittliche Lebenserwartung herangezogen. Seit den 1970er-Jahren kommt der Begriff der Lebensqualität auf. Diese wird auch mit Zahlen erfasst. Der Fragebogen EQ-5D, den auch das Inselspital einsetzt, prüft etwa den Gesundheitszustand in fünf Dimensionen. Auf der Basis der erhobenen Werte wird ein Lebensqualitätsindex zwischen 0 und 100 bestimmt. Das Instrument der Lebensqualitätsmessung ist weit verbreitet, jedoch nicht unumstritten. Hauptkritikpunkt sind die komplexen Fragen, was genau unter <guter> Lebensqualität zu verstehen ist und ob solche Messungen Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand von Individuen und den Status der Medizin erlauben.

Auswahlbibliografie

  • Atzl, Isabel (2017): Das materiale Erbe der Pflege. In: Artner, Lucia u.a. (Hg.): Pflegedinge, Bielefeld.

  • Eckert, S.: (2006): 100 Jahre Blutdruckmessung nach Riva-Rocci und Korotkoff: Rückblick und Ausblick, in: Journal für Hypertonie 10 (3).

  • Evans, Hughes (1993): Losing Touch: The Controversy over the Introduction of Blood Pressure Instruments into Medicine, in: Technology and Culture 34 (4).

  • Germann, Pascal (2016): Laboratorien der Vererbung: Rassenforschung und Humangenetik in der Schweiz, 1900-1970, Göttingen.

  • Germann, Pascal (2020): The Quality of Life Turn: The Measurement and Politics of Wellbeing in the 1970s, in: The Political and the Epistemic in the Twentieth Century: Historical Case Studies. Special Issue KNOW: A Journal on the Formation of Knowledge 4 (2020), 2.

  • Hess, Volker (2000): Der wohltemperierte Mensch: Wissenschaft und Alltag des Fiebermessens (1850-1900), Frankfurt am Main.

  • Major, Ralph H. (2021): The History of Taking the Blood Pressure, in: Annals of Medical History 2 (1).

  • Naqvi, Nassim H. (1998): Blood Pressure Measurement: an Illustrated History, New York.