< Zurück


Inselgeschichten: Spital Riggisberg



17. November 2022



125 Jahre Spital Riggisberg

Das Spital Riggisberg ist seit dem Zusammenschluss der Spital Netz Bern AG mit dem Inselspital 2016 Teil der Insel Gruppe AG. Die Geschichte des Spitals reicht jedoch deutlich weiter zurück. Die Gründung vor 125 Jahren steht stellvertretend für den Ausbau der medizinischen Versorgung in ländlichen Gebieten.


Medizin auf dem Land

Vor 125 Jahren – am 30. Mai 1897 – weihten die Bewohner:innen von Riggisberg feierlich ihr Krankenhaus ein. Der Eröffnung und dem Bau ging eine längere Planungsphase voraus.

Für Jahrhunderte gab es Spitäler nur in grösseren Städten wie Bern. Sie waren fast ausschiesslich mittellosen Armen vorbehalten. Die Landbevölkerung konnte das Angebot aufgrund der Entfernung zum nächsten Spital jedoch kaum nutzen und war auf Hausbesuche der Landärzte oder Chirurgen angewiesen. In den 1830er Jahren begannen Gemeinden, in den ländlichen Gebieten erste Notfallstuben einzurichten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm der Bedarf nach medizinischer Versorgung weiter zu. Fortschritte der Chirurgie und Akutmedizin, sowie steigende Ansprüche der Bevölkerung gaben wichtige Impulse zur Gründung von Landspitälern – so etwa 1878 in Aarberg, 1879 in Münsingen und 1897 eben auch in Riggisberg.



Christian Pfister & Hans-Rudolf Egli [Hg.] [Jahr]: Historisch-statistischer Atlas des Kantons Bern, 1750–1995, Bern 1998.


Gründung im Restaurant

Im Oktober 1894 formierte sich in Riggisberg auf Initiative des Arztes Josef Kaeser im Restaurant Sonne ein Gründungskomitee für ein eigenes Krankenhaus. In den kommenden Monaten klärten die Initianten ab, ob die umliegenden Gemeinden bereit wären, sich daran zu beteiligen. Das Hauptargument für das Landspital: die langen Wege bei Notfällen bis zum nächsten Spital. Eine zeitgleich geschaffene Baukommission klärte zunächst ganz praktische Dinge ab. Sie musste etwa einen geeigneten Standort bestimmen und die Wasserversorgung durch Quellwasser sicherstellen. Bei der Planung des Gebäudes orientierten sich die Verantwortlichen an den umliegenden Spitälern und begutachteten Schwarzenburg und Münsingen. Sie entschieden sich für ein schlichtes, zweistöckiges Gebäude mit Pultdach, das Platz für 12 Betten bot. Der Bau kostete 46500 Franken. Eine stolze Summe, die die Gemeinden allein nicht aufbringen konnten. Sie waren auf private Spenden angewiesen. So steuerten die Betreiber des Kurhotels Gurnigelbad 20000 Franken bei, die aus dem hoteleigenen Krankenfonds stammten.



Spitalgebäude bei der Eröffnung 1897 (Quelle: Gedenkschrift zum Fünfzigjährigen Bestehen)


Frühe Operationen

Als das Spital Riggisberg 1897 eröffnet wurde, konnte insbesondere die Chirurgie auf bahnbrechende Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte zurückblicken. Chirurgen hatten gelernt, den Blutverlust zu begrenzen, Schmerzen zu kontrollieren und Wundinfektionen zu verhindern. Auch in kleineren Spitälern wie Riggisberg ermöglichten Narkosen sowie anti- und aseptische Massnahmen Operationen – wenn auch mit bescheidenen Mitteln. Im frühen 20. Jahrhundert operierten die Riggisberger Ärzte in einem kleinen Raum auf einem hölzernen Operationstisch. Für kompliziertere Eingriffe zogen sie Kollegen aus Schwarzenburg oder Belp hinzu.

Über die Patient:innen im Spital Riggisberg und deren Verletzungen oder Krankheiten ist für die ersten Jahrzehnte nach der Gründung wenig bekannt. Das liesse sich jedoch ändern: Die Patienten- und Rechnungsbücher befinden sich inzwischen im Staatsarchiv Bern und warten auf eine Auswertung.



Auszug aus Kost- und Pflegegelder-Kontrolle 1930 (Staatsarchiv Bern)


Tuberkulose

Obwohl eine detaillierte Geschichte des Spitals fehlt – eine Sache ist klar: Dem kleinen Landspital Riggisberg gelang es mehrfach, sich den Anforderungen der Zeit anzupassen. So konnte es sich in den 1930er Jahren als Tuberkulosestation etablieren. Lange waren die therapeutischen Möglichkeiten bei Tuberkulose sehr beschränkt. Taschenspucknäpfe sollten Ansteckungen verhindern und Liegekuren zur Genesung beitragen. Während des Ersten Weltkrieges stieg die Zahl von Tuberkulosekranken stark an. Das bernische „Volkssanatorium“ Heiligenschwendi stiess an die Grenzen seiner Kapazitäten. Unterstützt durch die kantonale Sanitätskommission und das Eidgenössische Gesundheitsamt realisierte Riggisberg 1932 eine Tuberkulosestation mit 24 Betten, die umgehend besetzt waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen erste wirksame Medikamente gegen Tuberkulose auf den Markt. Damit verlor auch die Station in Riggisberg an Bedeutung.



Liegehalle des Spitals um 1930 ( Quelle: Gedenkschrift zum Fünfzigjährigen Bestehen)


Anfang und Ende der Geburtshilfe

Von der Geschichte der Riggisberger Geburtshilfe sind zumindest die Eckdaten bekannt. In Riggisberg kam 1930 das erste Kind im Spital zur Welt. Zuvor war es – wie in anderen Regionen – nicht üblich, dass Frauen im Krankenhaus gebären. Hebammen und Ärzte begleiteten in Riggisberg in der Folge mit einfachen Hilfsmitteln über Jahrzehnte Hunderte von Geburten. Eine Stelle für einen Spezialisten – einen Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe – wurde erst 1984 geschaffen. Gleichzeitig hielten mit der Ultraschalluntersuchung oder der Kardiotokographie Untersuchungsmethoden Einzug, die heute zum Standard gehören.

1994 feierte das Krankenhaus eine besondere Auszeichnung: Als vierte Geburtsabteilung schweizweit erhielt Riggisberg von UNICEF/WHO die Auszeichnung «Stillfreundliche Klinik». Seit knapp zehn Jahren kommen in Riggisberg keine Kinder mehr zur Welt. Die etwa 300 jährlichen Geburten erwiesen sich als nicht rentabel. Wie auch in anderen Regionen wurde trotz grosser Proteste der Belegschaft und der Bevölkerung die Geburtenabteilung geschlossen.


Immer weiter nach Osten

Die bauliche Entwicklung des Spitals Riggsiberg ist augenfällig und besonders gut dokumentiert. Sie widerspiegelt medizinische und gesellschaftliche Entwicklungen. Das bescheidene Gebäude von 1897 bot bald nicht mehr genügend Platz. Bereits 1917 wurde die östliche Laube und der Dachstock ausgebaut. 1931 folgte die erste grössere bauliche Erweiterung, die auf die steigende Zahl der Tuberkulosekranken reagierte.



Erweiterung 1917 (Quelle: Gedenkschrift zum Fünfzigjährigen Bestehen)


Ab 1958 wurde erneut eine Erweiterung gegen Osten geplant. Der 1964 eröffnete Ostbau umfasste eine chirurgische Abteilung, eine Geburtenabteilung und Schwesternzimmer. Auch der Kalte Krieg mit seinen Sicherheitsbedürfnissen hinterliess seine Spuren: Ab 1976 bestand eine „Geschützte Operationsstelle“. Seit Mitte der 1980er Jahre liefen die Vorbereitungen einer Gesamterneuerung. 1995 konnten die neuen Spitalräume der Öffentlichkeit vorgestellt werden – 1997 war schliesslich die Sanierung der älteren Gebäude abgeschlossen. 2022 wurden die Weichen für die Zukunft gestellt: Umbauarbeiten schaffen zusätzliche Kapazität für die Neurorehabilitation Riggisberg.

Auswahlbibliographie

Guggisberg, Ernst: Gedenkschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des Bezirksspitals Riggisberg, Hasle-Rüegsau 1947.

Müller, Carl: Die Notfallstube: Zur Geschichte der Gemeinde- und Bezirksspitäler im Kanton Bern, Bern 1959.

Ninck, Martin: Die Gründungsgeschichte der berneroberländischen Bezirksspitäler, Bern 1973.

o. A.: 100 Jahre Bezirksspital Riggisberg, Riggisberg 1997.